Die Joseph-Marx-Gesellschaft hat eine eigene Internetseite:joseph-marx-gesellschaft.org
Österreichs Musikprominenz und Berkant Haydin (der Autor dieser Internetseite) gründen dieJOSEPH-MARX-GESELLSCHAFTAm 1. April 2006 fand in Wien die Gründungsversammlung der ersten Joseph-Marx-Gesellschaft statt. Zu den
Teilnehmern der Gründungsversammlung gehörten führende Vertreter der österreichischen Musik, u.a. Friedrich Cerha (Vollender und Orchestrator von Alban Bergs Oper "Lulu") mit seiner Gattin Gertraud Cerha,
Kurt Schwertsik, Peter Vujica, Haide Tenner, Eric Marinitsch, Heinz Prammer, Robert Hanzlik sowie Berkant Haydin, der Autor der Internetseite www.joseph-marx.org,
der die Gesellschaft zuvor auf seine eigene Initiative hin gemeinsam mit dem Musikkritiker und Marx-Schüler Peter Vujica bei der Vereinsbehörde in Wien angemeldet hat. Kontaktadresse: Spendenkonto der Joseph-Marx-Gesellschaft in Wien: Für Überweisungen innerhalb Österreichs: |
Dieser Abschnitt enthält alle meine bisher veröffentlichten Artikel und Aufsätze über Joseph Marx in vollem Wortlaut.
Hingegen wurden Artikel, die ich für fremde Internetseiten verfaßt habe, nicht berücksichtigt..
ÜBERSICHT ÜBER DIESES KAPITEL:
Artikel in Musikzeitschriften, Monatsmitteilungen o.ä.:
CD-Booklets (die CDs finden Sie im Abschnitt Diskographie)
Vorworte zu Partituren und Programmheft-Texte
Mein folgender Artikel erschien in der Mai-Ausgabe des Monatsbriefes von European Cultural Services (Hrsg.: Mag. Heinz Prammer), der an ca. 5000 Chöre des deutschsprachigen Raums verschickt wird. Bitte klicken Sie hier, um zur Homepage von European Cultural Services zu gelangen.
Der oft als "bedeutendster Lyriker in der österreichischen Musik des 20. Jahrhunderts" bezeichnete Joseph Marx (1882-1964) hat nicht nur als schillernde Leitfigur der tonalen Musik Österreichs, sondern auch als Schöpfer vieler weltberühmt gewordener Lieder ein Stück österreichische Musikgeschichte geschrieben. Inmitten seiner produktiven Liederphase schuf der gefeierte Vokalkomponist in den Jahren 1910-14 ein halbes Dutzend Chorwerke, die jeweils in verschiedenen, alternativen Bearbeitungen bei der Universal Edition verlegt sind: die mythologisch inspirierte, impressionistische Kantate Herbstchor an Pan für gemischten Chor, Knabenstimmen, Orgel und Orchester (Text: Rudolf Hans Bartsch), die miniatursymphonische Berghymne für gemischten Chor und Orchester (Alfred Fritsch), den Morgengesang für Männerchor und Orchester (Ernst Decsey), die Abendweise für Männerchor, Blechbläser, Pauken und Orgel (Ernst Decsey), den Gesang des Lebens für Männerchor und Orgel (Otto Erich Hartleben) sowie - als krönenden Abschluss dieser Schaffenszeit - den hochromantischen, auch in einem geistlichen Rahmen aufführbaren Neujahrshymnus für gemischten Chor und Orchester (Joseph Marx). Diese beliebten Chorwerke wurden von den führenden Chören Österreichs häufig aufgeführt, bis sie schließlich nach dem Tode des Komponisten in Vergessenheit gerieten.
Doch dies soll sich nun ändern. Denn Anfang April 2006 wurde von Österreichs Musikprominenz eine Joseph-Marx-Gesellschaft gegründet, die sich schwerpunktmäßig u.a. für eine Renaissance der Chorwerke des Komponisten einsetzen will. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten keine geringeren als Friedrich Cerha, Kurt Schwertsik, Haide Tenner und Peter Vujica sowie der deutsche Joseph-Marx-Forscher und eigentliche Gesellschaftsgründer Berkant Haydin. Weitere Mitglieder der Marx-Gesellschaft sind der international renommierte Mozart-Experte und Marx-Schüler Gernot Gruber sowie Wilhelm Sinkovicz, bekannter Musikkritiker und Präsident der Franz-Schmidt-Gesellschaft, und Heinz Prammer, Präsident von European Cultural Services und Herausgeber dieser Monatsmitteilung.
Die Partituren der Chorwerke von Joseph Marx sind bei der Universal Edition erhältlich. Anfragen zur Joseph-Marx-Gesellschaft sind an den Generalsekretär Berkant Haydin zu richten (Internet: www.joseph-marx.org; Email: office@joseph-marx.org)
© Berkant Haydin
Mein folgender Artikel erschien in der März-Ausgabe 2006 (Seite 31-42) der Österreichischen Musikzeitschrift (Lafite-Verlag), Österreichs führender Fachzeitschrift für den Bereich E-Musik.
Wenn unter den österreichischen Komponisten des 20. Jahrhunderts ein vielschichtiges Phänomen existiert, das bis heute von Mythen und Heimlichtuereien durchsetzt ist, dann ist es zweifellos Joseph Marx (1882-1964). Als Schöpfer so bedeutender Werke wie Ein Neujahrshymnus, Eine Herbstsymphonie, Natur-Trilogie und Verklärtes Jahr sowie als weit über Europa hinaus bekannter Liedkomponist, Pädagoge und Musikkritiker gehörte Marx laut Musikgeschichte Österreichs (Bd. 3, Hg. Gruber / Flotzinger 1995, S. 142) "zu den auch international angesehensten Erscheinungen der österreichischen Musikwelt". Dennoch scheint er heutzutage in seinem Heimatland überwiegend nur der älteren Generation in guter Erinnerung zu sein. Wer war dieser Mann, der wie kaum ein anderer mit Preisen und Ehrungen überhäuft und von vielen berühmten Komponistenkollegen aus aller Welt bewundert, nach seinem Tode jedoch im eigenen Lande missverstanden, geschmäht und schließlich totgeschwiegen wurde?
Joseph Marx wurde am 11. Mai 1882 als Sohn eines Arztes und einer Konzertpianistin in Graz geboren. Seine Mutter erkannte früh die Begabung ihres Sohnes und schickte ihn auf eine renommierte Musikschule, wo Marx sich zu einem exzellenten Pianisten heranbildete, so daß sein Musiklehrer Johann Buwa einmal ausrief: "Das wird ein zweiter Rubinstein!" Angesichts des vom Vater aufgrund nachlassender schulischer Leistungen erteilten Klavierspielverbotes übte Marx heimlich weiter und entwickelte sich zudem autodidaktisch zu einem guten Geiger und Cellisten, so daß er sogar Arrangements von Werken Haydns und Schuberts anfertigte und diese mit Freunden in Wirtshäusern aufführte. Bereits zur Zeit seiner Matura war er mit vielen wichtigen Partituren berühmter Komponisten vertraut, doch seine große Vorliebe galt den Klangwelten Regers, Debussys und Skrjabins. Bei einem Besuch in Graz im Jahre 1905 war Max Reger, welchen Marx den "Wiedererwecker des Bach'schen Geistes" nannte, derart überrascht darüber, daß ein so junger Bursche jedes noch so unbekannte Werk von Reger kannte, daß er ausrief: "Der kennt das, der verfluchte Kerl!" Mit seiner Schlagfertigkeit und seinem immensen Wissen versetzte Marx sein Umfeld, das ihn stets als geistreiche Künstlernatur beschrieb, immer wieder in Erstaunen. So wurde ihm im weiteren Verlauf seines Lebens eine geradezu unglaubliche Bildung in den unterschiedlichsten Bereichen wie Musik, Kunst, Literatur, Philosophie und sogar den Naturwissenschaften bescheinigt.
Rauschhafte Ästhetik und antike Lebensfreude
Das intensive Naturerleben in der südsteirischen Landschaft, eine große Vorliebe für Lyrik und ein ausgesprochener Sinn für Ästhetik und Sinnlichkeit kristallisierten sich sehr früh als Hauptquellen seiner künstlerischen Inspiration heraus, so daß man Joseph Marx fast als einen Gustav Klimt der Musik bezeichnen könnte. Schon damals zeigte sich bei ihm, ähnlich wie zur selben Zeit bei Skrjabin, eine deutliche Tendenz zum Streben nach dem "Höchsten in der Kunst" als Ausdruck für den transzendenten Aspekt des Daseins. Während sich jedoch Skrjabin auf der spirituellen Suche nach Toren zu höheren Dimensionen in einen regelrechten Größenwahn hineinsteigerte, entwickelte sich die metaphysische Ader des jungen Marx hin zu einer bis ins Bacchantische reichenden hedonistischen Mystik. Aufgrund seiner starken Affinität zu den klassischen Werten der Antike waren für Marx mythologische Inhalte (Pan, Dionysos) untrennbar mit diesem außergewöhnlichen Ästhetikbekenntnis verbunden. Man findet diese antiken Elemente hochgeistiger, schwelgerischer Lebensfreude in vielen seiner musikalischen Werke, so am eindrucksvollsten in seinem Hauptwerk, der monumentalen Herbstsymphonie, und in der Kantate Herbstchor an Pan, aber auch im zweiten Klavierkonzert Castelli Romani sowie in einigen seiner Kammermusikwerke und Lieder. Erstaunlicherweise gelang es Marx, diese geistigen Vorstellungen konsequent zu vereinen und in einen ureigenen Kompositionsstil einfließen zu lassen, der - auch wenn sich im ersten Moment Ähnlichkeiten zu Schreker, Zemlinsky, Korngold, Delius und Bax auftun - bei näherem Hinhören die unverkennbare Handschrift des Komponisten trägt und seinen Werken einen hohen Wiedererkennungswert verleiht.

Noch mit 60: inspiriert von Antike wie Natur
Die metaphyische Ader des jungen Marx führte zu hedonistischer Mystik unter dem Einfluss der antiken Mythologie
Um die Jahrhundertwende schrieb Marx eine Reihe von - bis heute unveröffentlichten - Klavier- und Orgelstücken, die erst kürzlich von Fachleuten studiert und dabei keineswegs als Jugendwerke, sondern als Schöpfungen eines früh gereiften Vollblutromantikers beurteilt wurden (die Edition dieser Stücke ist derzeit in Vorbereitung). Zwischen 1901 und 1909, während seines Studiums der Philosophie, Kunstgeschichte und Musik in Graz, komponierte Marx das erste Drittel seiner insgesamt fast 150 Lieder. Als Anna Hansa, eine Kunstförderin und Sopranistin aus einer angesehenen Grazer Familie, auf den 26-Jährigen aufmerksam wurde, war sie von seinen Liedern derart begeistert, daß sie sich dieser Werke annahm und Marx schließlich mit einem sensationellen Liederabend im März 1909 und gefeierten Auftritten in nur einem Jahr zum Durchbruch verhalf und sein Ruf sich bald bis nach Wien und schließlich auch in der Welt herumsprach. Doch bevor Marx nach Wien in die Traungasse übersiedelte, um an der Musikakademie Seite an Seite mit berühmten Zeitgenossen wie Franz Schreker und Franz Schmidt zu unterrichten, sollte er an der Grazer Universität den Grundstein für seine spätere glänzende Karriere als führender Repräsentant der tonalen Musik Österreichs legen.

Mit Anna Hansa in Grambach 1912
Universelles Prinzip Tonalität
Kaum bekannt ist, daß Marx während seines Philosophiestudiums in Graz umfangreiche tonpsychologische Hörversuche an einer sehr großen Zahl von musikalisch unterschiedlich geschulten Testpersonen durchführte. Ziel dieser vom Philosophen Alexius von Meinong betreuten Arbeit, in welche auch Marxens Erkenntnisse aus langen Gesprächen mit dem bekannten Experimentalpsychologen Vittorio Benussi einflossen, war die Unntersuchung psychologischer Wahrnehmungsphänomene beim Hören und Erfassen von Tonkomplexen (Intervalle, Melodien, Akkorde und Akkordfolgen). Seine Ergebnisse faßte Marx zunächst in der mit dem ersten "Wartinger-Peis" der Philosophischen Fakultät ausgezeichneten Arbeit "Welche psychologischen Gesetzmäßigkeiten begreift die Musiktheorie unter dem Namen der Tonalität" und später - nach weiteren Ergänzungen - in seiner der Philosophischen Fakultät im Jahre 1909 vorgelegten Doktorarbeit mit dem Titel "Über die Funktion von Intervall, Harmonie und Melodie beim Erfassen von Tonkomplexen" zusammen.
Marx kommt darin zu dem Ergebnis, daß der menschliche Geist dazu neige, bei komplexeren Akkorden Töne hinzuzuhören. Er stellt zudem gemäß den funktionsharmonischen Prinzipien Hugo Riemanns fest, daß alle Tongestalten in Bezug auf ein tonales Zentrum erfaßt würden. Der Hörer könne sogar übersprungene Tonarten hinzuhören und neige dazu, Klangstrukturen mit tonaler Bedeutung auszustatten. Mit der Vorstellung, daß der menschliche Geist atonalen Harmonisierungen einen gewissen Widerstand entgegensetze und den Drang habe, den tonalen Anschluss wiederherzustellen, nahm Marx bereits zu dieser frühen Zeit seine spätere Argumentation gegen alle die Tonalität überschreitenden Kompositionstechniken vorweg. Auch wenn Marx selbst in einigen seiner späteren Kompositionen die Tonalität nicht nur in vollem Umfang ausschöpfte, sondern fast auch über ihre Grenzen hinausging, blieb er seinem musikalischen Credo treu. Dennoch sollte er später als Kritiker und Juror entgegen seiner Überzeugung sogar atonale Werke loben, wenn er in ihnen wenigstens "interessante Klangwirkungen" zu entdecken vermochte.
Vom steirischen Musikanten zur Leitfigur einer Generation
Als Marx im Jahre 1914 als Professor für Musiktheorie und Komposition an die Wiener Musikakademie berufen wurde, gehörten seine Lieder in ganz Europa bereits zum festen Repertoire. Zwei Dutzend dieser Lieder hatte er in der Zwischenzeit orchestriert - sie wurden von Dirigenten wie Nikisch, Löwe, Mengelberg, Hausegger u.a. erfolgreich aufgeführt. Zudem waren einige sehr klangvolle Chorwerke - Ein Neujahrshymnus, Herbstchor an Pan, Berghymne, Morgengesang, Abendweise - sowie kammermusikalische Werke entstanden und zur Uraufführung gelangt. Marx kam also keineswegs als Unbekannter nach Wien, sondern hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Anhängerschaft und genoß die volle Wertschätzung seiner Lehrer- und Komponistenkollegen, die ihm später auch vielfach aus dem Ausland ihre Bewunderung aussprachen. So schrieb der bedeutende russische Spätromantiker Nikolai Medtner in einem Brief an Marx: "Meine Begegnung mit Ihnen war ein unerwartetes Geschenk, ein Zeichen, daß alles Unerwartete, Fantastische und ewig Romantische noch immer da ist."
Seinem musikalischen Credo für die Tonalität treu bleibend, wurde Marx zum Vorbild der Komponisten, die sich von der Wiener Schule um Schönberg abgrenzten
Als er 1922 als Nachfolger von Ferdinand Löwe zum Leiter der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst ernannt und 1924 zum Rektor dieser Institution gewählt wurde, die auf seine Initiative hin eine Aufwertung zur ersten Hochschule für Musik in Wien erfuhr, hatte Marx in der Musikwelt einen Namen als "Vorzeigepädagoge" Österreichs erlangt: Talentierte Schüler aus aller Herren Länder kamen nach Wien, um ihr Handwerk bei ihm zu erlernen. Es waren über 1.300 Studenten, die Marx - häufig auch unentgeltlich in seiner Freizeit - während seiner 38-jährigen Lehrtätigkeit in Wien und später in den Fünfziger Jahren in Graz in Komposition, Musiktheorie, Harmonielehre und Kontrapunkt unterrichtet hat. Zahlreiche, darunter viele spätere Anhänger der Avantgarde, erlangten in Österreich und ihren jeweiligen Heimatländern Ruhm als Komponisten, Solisten, Dirigenten oder Musikfunktionäre. Zu ihnen gehörten Miltiades Caridis, Johann Nepomuk David, Karl Etti, Friedrich Gulda, Oswald Kabasta, Armin Kaufmann, Robert Schollum, Kurt Schwertsik, Jenö Takács, Erik Werba, Eric Zeisl und neben vielen Musikern aus Nordeuropa und Übersee die führenden türkischen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Rektor der Musikhochschule 1924
Umworben wie kein anderer
Ganz im Gegensatz zu dem Ruf, der ihm später anhing, verkörperte Marx von Anfang an das Idealbild vom tonalen, dabei jedoch durchaus fortschrittlichen Komponisten, dessen Werke sich häufig durch gewagte harmonische Kühnheiten auszeichneten und ihn so zum Erneuerer unter den "Traditionalisten" machten, von denen manch einer seine Werke als zu modern empfand. Sicher auch begünstigt durch seine imposante Erscheinung und seine gern gesehenen und durch einen unüberhörbaren "S"-Fehler gewürzten Auftritte als humoristischer Redner (Marx, Betrachtungen eines romantischen Realisten, Wien 1947), wurde er bereits während der 1920er Jahre zum Vorbild einer ganzen Generation aufstrebender Jungkomponisten, die eines gemeinsam hatten: sich von der Zweiten Wiener Schule um Schönberg abzugrenzen. Marx zählte damit zu einem Kreis angesehener Komponisten wie Wilhelm Kienzl, Julius Bittner und Richard Strauss, und doch galt er aufgrund des internationalen Flairs, das ihn umgab, als ihr schillerndster Vertreter.
Der bei der Österreichischen Nationalbibliothek verwaltete Nachlaß der Briefe an Joseph Marx stellt in der Handschriftensammlung das mit Abstand umfangreichste Briefkonvolut einer Einzelperson dar. Die folgenden Zahlen können heute nur ansatzweise verdeutlichen, wie populär Marx in der zweiten Hälfte seines langen Lebens gewesen sein muß: Er hat von fast 3.500 unterschiedlichen Absendern aus aller Welt, darunter eine Unzahl bekannter Namen, insgesamt rund 15.000 Briefe erhalten.

Ein passionierter Autofahrer (1932)
Einen weiteren wichtigen Meilenstein seiner Laufbahn erlebte Marx in den Jahren 1932-33, als ihm die Ehre zuteil wurde, als erster Berater und Gutachter der Atatürk-Regierung beim westlich orientierten Aufbau des (später von Paul Hindemith und Bela Bartok weiter ausgebauten) türkischen Konservatoriums, Musikschulsystems und Konzertwesens zu wirken. Marx, der neben seiner geliebten steirischen Heimat auch die Atmosphäre fremder Länder genoß, fuhr viele Male mit dem Auto in benachbarte Länder, nicht nur um Land und Leute zu erleben, sondern auch, um Freunde zu besuchen. Zu diesen gehörten keine geringeren als Bortkiewicz, Godowsky, Korngold, Puccini, Ravel, Respighi, Szymanowski, Vladigerov, u.a.m. Diese Synthese aus Internationalität und urösterreichischer Seele war eines der Markenzeichen von Joseph Marx.

Marx in des Malers Sicht (Stadtmuseum Graz)
Wenn die Schwächen zum Verhängnis werden
Welch polarisierende Figur Joseph Marx aber schon wenige Jahre nach seiner Übersiedlung nach Wien war, wird deutlich, wenn man an sein 1921 uraufgeführtes, in purer Melodienfreude schwelgendes Romantisches Klavierkonzert denkt, durch dessen Titel Marx sein musikalisches Bekenntnis erstmals explizit kundtat. Einen weiteren Höhepunkt bildete die durch eine Gruppe pfeifender Saboteure gezielt gestörte Uraufführung seiner noch orgiastischeren Herbstsymphonie im Jahre 1922 durch die Wiener Symphoniker unter Felix von Weingartner. Im selben Jahr unternahm Marx den Versuch, Arnold Schönberg, mit dem er sich "aufgrund ihrer gemeinsamen Liebe zur Malerei angefreundet hatte" (so Philipp Herschkowitz, Schüler von Marx, Berg und Webern, in: Dmitri Smirnov, Herschkowitz 1970 / engl. 2003), als Professor für die von Marx geplante, 1924 errichtete Hochschule für Musik zu gewinnen, doch Schönberg erteilte Marx im Brief vom 26.12.1922 eine folgenschwere Absage, wodurch möglicherweise eine historische Chance für eine friedliche Koexistenz von Tonalität und Zwölftonmusik in Wien zu einem sehr entscheidenden Zeitpunkt vertan wurde. Und es kam, wie es kommen mußte: Marx wurde Mitte der 1920er Jahre wie selbstverständlich in die Rolle des Heerführers gegen die avantgardistischen Strömungen hineinmanövriert, und mit dem Erstarken des Schönberg-Kreises vergrößerte sich die Kluft zwischen den so gegensätzlichen Musikrichtungen. Als Marx in seiner Inaugurationsrede als einstimmig gewählter, künftiger Rektor seine Vorstellung zur Naturgegebenheit der Tonalität darlegte, erntete er tosenden Beifall und fühlte sich voll und ganz bestätigt. Prominente Stimmen wie z.B. Pablo Casals, aus dessen Sicht Marx "für die Erhaltung der Musikkultur der Zukunft absolut nötig" war, sollten ihn später bestärken.

Mit Anna Hansa und Künstlerfreund Anton Wildgans (1930)
Marx war Hedonist und Künstler mit Leib und Seele. Politisch desinteressiert und niemals einer Partei zugehörig, war er mit Menschen jeder politischen Färbung, Herkunft und Religion befreundet. Aufgrund seiner pädagogischen Ader nutzte er jede Gelegenheit, erzieherisch zu wirken, sei es als Lehrer, als Kritiker oder als Redner. Die ihm entgegengebrachte enorme Wertschätzung ließ ihn eitel werden. So nahm Marx den Berichten seines Biographen Wolfgang Suppan zufolge jede Ehrung gern an. Nach Beendigung seiner Tätigkeit in der Türkei wurde Marx 1934 der Posten des Staatsrates für Kulturfragen angeboten. Indem er zusagte und in seinen folgenden Reden Empfehlungen für die musikalische Volkserziehung aussprach, machte er sich selbst, ohne es zu ahnen, zur Zielscheibe seiner Kritiker. Unterdessen hatte er die von Nazideutschland ausströmende Gefahr und den bevorstehenden Werteverfall kommen sehen. So komponierte der Idealist Marx 1937/38 sein berühmtes Streichquartett in modo antico, aus einem oft als reaktionär fehlinterpretierten, jedoch bereits im Titel unmissverständlich formulierten und zum Scheitern verurteilten Versuch heraus, die von ihm hochgehaltenen klassischen Werte des Altertums "heraufbeschwören" und damit "dunkle Zeiten erleuchten" zu können. 1940 folgte das wesensverwandte Quartetto in modo classico.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 stellte das NS-Propagandaministerium fest, daß neben vielen anderen Komponisten auch die Musik des seit jeher populären Marx den gewünschten musikästhetischen Vorstellungen entsprach. Marx behielt nun zwar seine vorherige Stellung als einer der führenden Komponisten Wiens bei, war jedoch bis 1945 den meisten seiner Aufgaben enthoben (u.a. als Musikkritiker, Präsident des Österreichischen Komponistenbundes und Vizepräsident der AKM). Nichtsdestotrotz umwarb man den gut herzeigbaren Festredner Marx, der dadurch erneut zum Werkzeug eines Systems wurde und zunächst mitmachte, indem er in einigen erwünschten Auftritten als Redner die Konzerttätigkeit im NS-Staat beurteilte. Doch bald hatte er genug und begann, sich diesen Anfragen durch teils groteske Ausreden (z.B. "kein Geld für die Bahnfahrkarte") zu entziehen. Augenzeugenberichte und die Briefe von Ernst Fischer und Alois Melichar belegen, daß der als äußerst spitzbübisch geltende Marx sich gegenüber dem Regime immer wieder Eskapaden und Respektlosigkeiten leistete. So hat er sich niemals gescheut, NS-Funktionären unverblümt seine Meinung zu sagen und manch einen von ihnen regelrecht zum Narren zu halten. Man hatte jedoch gehörigen Respekt vor ihm und ließ ihn gewähren.
Heimlicher Helfer und Freund der Verfolgten
Diese Unbekümmertheit und Eigenwilligkeit, aufgrund derer man ihn bei der späteren Aufarbeitung der NS-Zeit in keine Schublade stecken konnte, sollte vor allem nach seinem Tode dazu führen, daß Kritiker ihn allein aufgrund seines Bekenntnisses zur Tonalität und einiger Reden, die er gehalten hatte, politisch verdächtigten und mit Schlagwörtern wie Faschismus und Nationalsozialismus in Verbindung brachten. Joseph Marx' wahre Einstellung, nämlich die tiefe Ablehnung des totalitären Regimes, zeigt sich indes nicht nur in seinen Dreistigkeiten gegenüber NS-Funktionären, sondern vor allem in seinen Briefen, in denen er immer wieder seinen Unmut über den Werteverfall und die Machtlosigkeit gegenüber dem Regime kundtat. Einem Bericht seines damaligen Hausmädchens zufolge wurden der Hitlergruß und antisemitische Äußerungen im Hause Marx, wo Gespräche über Politik verpönt waren, ebenso wenig geduldet wie die im österreichischen Briefverkehr jener Jahre durchaus weitverbreitete Hitlergrußformel (s. Briefe von Roderich Mojsisovics-Mojsvár, der es in Mitteilungen an Marx nicht wagte, mit "Heil Hitler!" zu unterschreiben). Marx hat so auf seine ganz eigene Art Widerstand geleistet.
Wegen seines Rufes als Traditionalist rückte man Marx nach seinem Tod allzu voreilig in die Nähe des Nationalsozialismus
Doch nicht nur das: Er half vielen Verfolgten, indem er die ihm gebliebene Machtstellung gezielt dazu ausnutzte, jüdische Künstlerfamilien, die sich in großer Zahl an ihn wandten, vor der drohenden Deportation zu retten (u.a. Hugo Fleischmann, Ernst Kanitz, Frederick Dorian). Laut dem Briefbestand der Österreichischen Nationalbibliothek war Marx in Wien die zentrale Anlaufstelle für Hilfesuchende. Es waren vor allem die zahlreichen jüdischen Marx-Schüler, die ihren Lehrer in erstaunlichem Maße verehrten und während des II. Weltkrieges und danach mit Dankesbriefen überhäuften. Kaum jemand kann heute erahnen, welchen Drahtseilakt Joseph Marx in den betreffenden Jahren vollbracht haben muß. Herbert Zipper, der Komponist des Dachau-Liedes, kam 1956, nur um seinen einstigen Lehrer Joseph Marx zu besuchen, eigens aus den USA nach Wien gereist. Zipper wußte einiges darüber zu berichten, wie Marx Verfolgten zur Flucht verholfen und sich später für die Renaissance der Werke seiner vertriebenen jüdischen Schüler in Österreich stark gemacht hatte (auch dokumentiert durch viele an Marx gerichtete Bitt- und Dankesbriefe im Bestand der ÖNB). Nach dem II. Weltkrieg war Joseph Marx den Briefen der polnischen Musikwissenschaftlerin Zofia Lissa zufolge auch maßgeblich am Wiederaufbau des polnischen Musiklebens beteiligt, das sehr unter den Nationalsozialisten gelitten hatte.

Welterfahrene Pädagogen: Marx mit Herbert Zipper, 1956
(Zipper, KZ-Überlebender und Komponist des berühmten Dachau-Liedes,
trat im Jahre 1956 erstmals nach zwei Jahrzehnten die lange Reise von Los Angeles
nach Wien an, um seinen Lehrer und Freund Joseph Marx in Wien zu besuchen)
Nach 1945 wurde die Musik in Österreich "zum wesentlichen Bestandteil eines neuerwachten und in seinem Selbstverständnis vor 1938 undenkbar gewesenen Nationalbewußtseins" (Walter Pass, in: Musikgeschichte Österreichs Bd. 2 1979, S. 481). Im Zuge dessen wurde der zu dem Zeitpunkt schon 63-jährige Joseph Marx erneut zur Vaterfigur der tonalen Musikergeneration und nahm zwischen 1946 und 1950 viele ihm angebotene Präsidentschaften wichtiger Musikinstitutionen Wiens an und sollte diese bis zu seinem Lebensende (1964) behalten. Auch als Musikkritiker (bis 1938 für das "Neue Wiener Journal" und nach dem II. Weltkrieg für die "Wiener Zeitung") übte er weiterhin einen prägenden Einfluss aus. Für seine herausragenden Leistungen beim Wiederaufbau des österreichischen Musiklebens und der internationalen Beziehungen (Marx vertrat Österreich in sämtlichen Jurys und Gremien der UNESCO) erhielt er 1950 als Erster den Großen Österreichischen Staatspreis für Musik, und dies war nur die erste von vielen hohen Auszeichnungen, die ihm in den Fünfziger Jahren zuteil werden sollten (u.a. das Große Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 1957). Infolgedessen wurde ihm Band 1 der Reihe Komponisten des XX. Jahrhunderts (Erik Werba, Lafite Verlag 1962) gewidmet. Die Wertschätzung gegenüber dem im Wiener Musikleben nun nahezu allgegenwärtigen Marx war im damaligen Österreich derart hoch, daß er nach dem Tode Karl Renners, des ersten Bundespräsidenten der zweiten Republik, sogar als möglicher Nachfolger für das Amt des Staatsoberhauptes gehandelt wurde.
Das Ende einer Ära
Bei dem zu Beginn der Fünfziger Jahre neu aufgeflammten, diesmal noch heftigeren offenen Krieg zwischen den Anhängern der Avantgarde und den der Tonalität verpflichteten Komponisten blieb unter den modernen Nachwuchskünstlern mancher auf der Strecke, doch letzten Endes entschied die Avantgarde den Machtkampf für sich, was sich u.a. dadurch zeigt, daß der Große Österreichische Staatspreis, der in den Fünfziger Jahren noch überwiegend an tonale Komponisten vergeben worden war, im Laufe der Sechziger Jahre zunehmend an moderne Musiker ging. Mit Marxens Tod am 3. September 1964 ging praktisch eine Ära zu Ende, der Einfluss der tonalen Musikergeneration ließ nach und die Wegbereiter der neuen Moderne atmeten auf. Marxens jahrzehntelange Verdienste um das österreichische und europäische Musikleben und um verfolgte Künstler und den Wiederaufbau nach dem II. Weltkrieg waren schnell vergessen und der Name von Joseph Marx, der sich ja nun nicht mehr dagegen wehren konnte, wurde stellvertretend für eine Reihe tonaler Musiker mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Tragische Namensverwechslungen mit dem NS-Komponisten Karl Marx (1897-1985), der während des II. Weltkrieges in Graz gelehrt hatte, taten ihr Übriges. Und dies, obwohl sogar Fred K. Prieberg, der führende Kenner der Musikgeschichte 1933-45, über Joseph Marx so wenig gefunden hat, daß dieser ihm keinen Eintrag in seinem auf CDrom erschienenen, gigantischen Lexikon Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945 wert war, während dem Namensvetter Karl Marx sieben Seiten und manchen Komponisten darin ganze Kapitel gewidmet sind.
Nachdem es schließlich zur Normalität geworden war, die Werke von Joseph Marx nur wenn unbedingt nötig aufzuführen, wurde ein weiteres trauriges Kapitel geschrieben, als das Land Steiermark den 1947 gestifteten Joseph-Marx-Musikpreis, mit dem so bedeutende Künstler wie Iván Eröd, Alfred Brendel, Gundula Janowitz und Nikolaus Harnoncourt ausgezeichnet worden sind, im Jahr 1989 umbenannte. Da aber Marx unter den "Konservativen" zu denjenigen gehört, gegen die auch im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes keine belastenden Hinweise zu finden sind, ist unter Kennern ein offenes Geheimnis. Einer von denen, die es wissen müßen, war Ernst Fischer, Nationalratsabgeordneter der KPÖ, der im Brief vom 11.5.1962 an Marx dessen Grundhaltung mit folgenden eindrucksvollen Worten beschrieb: "Ihre Persönlichkeit, die jeden Teufelspakt zurückwies und zu keinem Zugeständnis an Eroberer und Machthaber bereit war, ist über die Grenzen dieses Landes hinausgewachsen. Ihre Phantasie ist nicht Rückzug der Wirklichkeit, und was melodisch in ihr tönt, ist ein tapferes Herz. Daraus wächst auch Ihr Humor, der das Gegenteil österreichischer Schlamperei ist, nämlich Attacke gegen alles Aufgeblasene, respektlose Haltung vor jeder Obrigkeit. Ihr scharfer Witz hat stets Ihre milde Musik ergänzt. Sie haben nicht nur Rhythmus, sondern Rückgrat. Und das ist hierzuland höchst rühmenswert. So haben Sie Dank, lieber Meister, für Ihre Kunst und Ihre Mannhaftigkeit."
Die primär kulturpolitisch bedingte Vernachlässigung der Werke von Marx könnte jetzt einer Renaissance weichen
Der Symphoniker unter den Liedkomponisten
Die wohl treffendste Charakterisierung seiner Musik stammt von Hans Jancik, der in dem Standardwerk Die Musik in Geschichte und Gegenwart (Bd. 8 1960, S. 1738-39) schrieb: "Die Werke von Joseph Marx sind Stimmungsmusik reinster Prägung und Ausdruck eines ungewöhnlichen Schönheitsempfindens. Südländische Melodienfreude, romantischer Impressionismus und das Klangerleben der jungrussischen Schule, vor allem Skrjabins, verbinden sich in ihnen zu charakteristischer Synthese. Dazu kommt ein starker Sinn für Polyphonie, dem auch die Mittelstimmen der Kompositionen ihre lebensvolle Faktur verdanken. Als Ausgleich gegen die stets überquellende Phantasie ist dem wissenschaftlich hochgebildeten Musiker ein scharfes Denken zueigen, das Inhalt und Form in Übereinstimmung zu bringen sucht." Marx schuf seine Lieder hauptsächlich in seiner Studentenwohnung in Graz, während die Werke aus seiner reiferen Schaffenszeit, die immerhin 80 bis 90 % seines gesamten OEuvres ausmachen, überwiegend im Sommerhaus seiner von ihm tief verehrten Lebensgefährtin Anna Hansa in Grambach, einer idyllischen Ortschaft bei Graz, entstanden sind. Hier verbrachte Marx stets die Sommermonate und hatte so eine geeignete Umgebung, in der er in Ruhe komponieren und mit namhaften Künstlergästen Ausflüge und auch gemeinsame Musizierabende veranstalten konnte.
Den Ursprung des Weltruhmes von Joseph Marx bilden seine in der frühen Schaffenszeit um 1908 entstandenen Lieder, in denen sich die für ihn so typische pianistische Virtuosität mit einem schwelgerischen Melodienreichtum vereint. Marx schuf ein raffiniertes Gewebe von Hingabe und Sinnlichkeit, mit dem er die österreichische Liedkunst Hugo Wolfs um südländisch bis exotisch durchtränkte, chromatisch verspielte Impressionismen erweiterte. Doch damit stieß Marx schon früh an die Grenzen des im Klavierlied Erreichbaren. Nach einer nicht weiter verfolgten Arbeit an zwei Jugendsymphonien führte ihn seine Suche schließlich zu seinen - zu Unrecht im Schatten seiner Lieder stehenden - Chorwerken, mit denen ihm erstmals eine Symbiose aus Vokalmusik und der in ihm längst übersprudelnden Symphonik gelang. Retrospektiv ist festzustellen, daß seine 1910-14 komponierten Werke für Chor und Orchester - Ein Neujahrshymnus, Herbstchor an Pan, Berghymne, Morgengesang und Abendweise - das erste reife Schaffen des inzwischen 30-Jährigen repräsentieren. Diese beliebten Chorwerke wurden von führenden Chören Österreichs und namhaften Künstlern wie Heinrich Gattermeyer, Viktor Keldorfer, Karl Etti u.v.a. häufig zur Aufführung gebracht.

Marx mit 80 im Wiener Haus in der Traungasse
Credo bis zum Ende: "Am Anfang war der Klang"
Zur selben Zeit schrieb Marx eine Anzahl von Werken für verschiedene Kammerbesetzungen (drei Klavierquartette, eine berühmte Trio-Phantasie, eine beinahe abendfüllende erste Violinsonate und einige Werke für Cello und Klavier) und schloss diese Schaffensperiode mit seinen sechs phantastischen Klavierstücken aus dem Jahre 1916 ab. Darauf folgte eine rund zwei Jahrzehnte währende Phase, in der viele schwelgerische Orchesterwerke erschienen, die von berühmten Solisten (u.a. Jorge Bolet, Walter Gieseking, Ingeborg Springer, u.a.) und Dirigenten wie Karl Böhm, Karl Etti, Robert Heger, Milan Horvat, Clemens Krauss, Ferdinand Löwe, Fritz Reiner, u.v.a. erfolgreich aufgeführt wurden: Romantisches Klavierkonzert, Eine Herbstsymphonie, Natur-Trilogie (bestehend aus Eine symphonische Nachtmusik, Idylle und Eine Frühlingsmusik), Nordland-Rhapsodie, Castelli Romani, Verklärtes Jahr und später Alt-Wiener Serenaden und Feste im Herbst. Marxens Werke sind in den Wiener Verlagen Universal Edition und Doblinger erschienen.
Obwohl die sehr anspruchsvollen, impressionistisch angereicherten Partituren seiner Orchester- und Chorwerke zweifellos zum Klangvollsten gehören, was das spätromantische Repertoire überhaupt zu bieten hat, sind die meisten dieser Werke in Österreich bedauerlicherweise seit Jahrzehnten nicht mehr erklungen. Nach einigen in den Dreißiger Jahren im klassischen Stil verfassten Werken komponierte Marx kaum noch. Ihm blieb schlichtweg keine Zeit mehr dazu, denn in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens war er als Präsident vieler wichtiger Institutionen und Vereinigungen (u.a. des Österreichischen Komponistenbundes, der Mozartgemeinde, der AKM und der Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst) sowie als Schriftsteller, Jurymitglied bei Kompositionswettbewerben und Musikpädagoge unermüdlich im Einsatz. So blieb Joseph Marx dem österreichischen Musik- und Kulturleben, das er so lange wie kaum ein anderer mitgestaltet, gefördert und geprägt hat, praktisch bis zu seinem letzten Atemzug treu.
Mit der neugegründeten Joseph-Marx-Gesellschaft ins Gedenkjahr 2007
Daß die in seinem Heimatland jahrzehntelang währende Vernachlässigung der Werke von Joseph Marx nichts mit der Qualität seiner Musik zu tun hat, ist hinreichend bekannt; diese Gleichgültigkeit ist vielmehr die Folge der hier richtiggestellten fatalen Fehldeutungen über sein Wirken in den Jahren 1933-45 und ein Relikt aus einem vergangenen musikästhetischen und kulturpolitischen Machtkampf zwischen Tonalität und Avantgarde. Erfreulicherweise hat man nun auch in Österreich erkannt, daß Marx in der anglo-amerikanischen Fachwelt als einer der faszinierendsten Symphoniker der Spätromantik gilt, was sich u.a. am großen Erfolg (inkl. einer Grammy-Nominierung) der vom britischen Label ASV mit einem deutschen Orchester, den Bochumer Symphonikern, eingespielten 4-teiligen CD-Reihe ablesen lässt.
Im Oktober 2005 wurde in Graz erstmals seit 80 Jahren die Herbstsymphonie erfolgreich wiederaufgeführt (Großes Orchester Graz unter Michel Swierczewski), und am 2. April dieses Jahres wird das RSO Wien unter Bertrand de Billy mit Marjana Lipovsek die in Österreich seit fast 30 Jahren nicht mehr gespielte, rauschhafte Liedersymphonie Verklärtes Jahr zur Aufführung bringen. Die kürzlich in Wien gegründete Joseph-Marx-Gesellschaft, die aus einer zuvor jahrelang allein geführten Öffentlichkeitsarbeit des Autors (www.joseph-marx.org) hervorgegangen ist und in der namhafte Persönlichkeiten wie Kurt Schwertsik, Peter Vujica, Gernot Gruber und Wilhelm Sinkovicz vertreten sind, stellt einen weiteren bedeutenden Schritt dar. Auf ihn sollten nun weitere folgen, insbesondere mit Blick auf das Jahr 2007, in dem des 125. Geburtstages des Komponisten zu gedenken sein wird.
Wenn man sich schließlich die entscheidende Frage stellt, was denn nun das Außergewöhnliche an Österreichs einstigem Vorzeigekomponisten Joseph Marx sei, so könnte die Antwort lauten: Das Glück vieler erfüllter Hoffnungen, an dem das Leben dieses Idealisten so reich war, spiegelt sich unmittelbar in seinem Schaffen, mit dem er der Nachwelt ein klangreiches Erbe hinterlassen hat. So verkörpert Marx einen Musikphilosophen und Klangästheten, dessen durch und durch sehnsuchtsvolle Musik - sowohl in ihrem ekstatischen Überschwang als auch im abgeklärten Ebenmaß des Spätwerkes - ihre Botschaft mit einer solchen Ehrlichkeit ausstrahlt, daß ihre Neubewertung in den Konzertsälen nur allzu gerechtfertigt erscheint.
© Berkant Haydin
Mein folgender Artikel über den Chormusikkomponisten Joseph Marx ist in der bekannten Chormusikzeitschrift „CANTATE“ (Jan/Feb 2006, Seite 34-36) erschienen (zur Website von CANTATE)
(Hinweis: Die Überschrift wurde von der CANTATE-Redaktion umgeändert in: Einst gefeiert, dann vergessen)
Seine Lieder wurden von weltberühmten Diven gesungen, seine Klavierkonzerte von namhaften Pianisten geliebt und seine Orchester- und Chorwerke von den großen Maestros seiner Zeit uraufgeführt – und doch ist der einflußreiche österreichische Komponist und Musikpädagoge Joseph Marx (1882-1964), der während seines langen Lebens mit Preisen und Ehrungen überhäuft wurde wie kaum ein anderer, heute überwiegend nur den Kennern der spätromantischen Ära und einer immerhin stetig wachsenden Zahl bedeutender Liedinterpreten ein Begriff.
Der am 11. Mai 1882 in Graz als Sohn eines Arztes und einer Pianistin geborene "Pepo" Marx, wie er von Freunden genannt wurde, stellte schon als junger Bursche sein großes musikalisches Talent unter Beweis, als er kammermusikalische Arrangements von Werken Haydns und Schuberts verfaßte und mit Freunden in Wirtshäusern aufführte. Zugleich entwickelte er sich gegen den Wunsch seines strengen Vaters zu einem hervorragenden Pianisten, Cellisten und Geiger und schrieb um die Jahrhundertwende eine Reihe von Klavier- und Orgelstücken, denen ausnahmslos ein hoher musikalischer Wert bescheinigt wird. Als Marx sein Studium in Graz mit seiner Promotion zum Doktor der Philosophie abschloss, hatte er sich bereits mit aufsehenerregenden Schriften einen Namen als Musiktheoretiker gemacht, woraufhin er in den Jahren 1908-12 einen Großteil seiner insgesamt rund 150 Lieder schrieb, von denen viele ihm schließlich nationalen und nicht lange danach auch auch einen weltweiten Ruhm einbrachten.
Der steirische Musikant erobert Wien
Nach seiner Berufung an die Musikakademie der Universität Wien wurde er 1922 Direktor der Akademie und war von 1924-27 der Rektor der neu gebildeten Hochschule für Musik. In den frühen Dreißiger Jahren beriet er die türkische Regierung beim Aufbau des (später von Paul Hindemith und anderen berühmten Kollegen weiter ausgebauten) Konservatoriums in Ankara und des türkischen Musikschulsystems, arbeitete später – neben ausgedehnten Aktivitäten als Jurymitglied bei internationalen Kompositionswettbewerben – viele Jahre lang als Musikkritiker für die wichtigsten Zeitungen und Fachzeitschriften Wiens und bekleidete über lange Zeit nahezu alle führenden Ämter des österreichischen Musik- und Kulturlebens. Während seines jahrzehntelangen Wirkens als Hochschullehrer in den Fächern Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und Musiktheorie wurde sein Unterricht von weit über 1.200 Schülern aus aller Herren Länder besucht. So starb Joseph Marx am 3. September 1964 als eine der zentralen Figuren des österreichischen Musiklebens, die mehrere Musikergenerationen nachhaltig geprägt hatte.
Suche nach dem absoluten Wohlklang
Noch bemerkenswerter erscheint die heutige Vernachlässigung des von vielen berühmten Komponistenkollegen seiner Zeit hochgeschätzten Joseph Marx, wenn man seine Partituren studiert und sie vor allem hört. Neben Klavier- und Orgelstücken und zahllosen Liedern komponierte Marx, der einen sehr melodischen, unverwechselbar nachromantisch-impressionistischen Stil schuf, einiges an Kammermusik (Violinsonaten, Cellowerke, eine Trio-Phantasie, Streich- und Klavierquartette), Orchesterwerke (Klavierkonzerte, Orchesterlieder, symphonische Dichtungen und die legendäre Herbstsymphonie) sowie eine Anzahl hervorragender Chorwerke, die in den Jahren 1910 bis 1914 entstanden und zum Teil den führenden Chören Wiens (Singakademie, Schubertbund, Männergesangverein) gewidmet sind.
Klangvolle Raritäten
Die Chormusik von Joseph Marx gehört heute unverständlicherweise zu seinen am wenigsten bekannten Schaffensbereichen, obwohl diese Kompositionen von den obengenannten Chorensembles unter Künstlern wie Viktor Keldorfer, Karl Etti, Heinrich Gattermeyer u.v.a. über Jahrzehnte erfolgreich aufgeführt worden sind, bis sie schließlich vor einigen Jahrzehnten in Vergessenheit gerieten – zu Unrecht, wie ein Studium dieser farbenreichen Partituren belegt.
Sein größtes Chorwerk ist der Herbstchor an Pan für gemischten Chor, Knabenstimmen, Orgel und Orchester aus dem Jahre 1911 (Text: Rudolf Hans Bartsch), ein prunkvolles Naturgemälde von intensiver kontrapunktischer Kunst. Die mit flimmernden Impressionismen angereicherte Partitur trägt die folgende Widmung: »Zur Erinnerung an einen leuchtenden Herbsttag in der Untersteiermark.
Der majestätische, ergreifende Festgesang Ein Neujahrshymnus, in der Originalfassung von 1914 für vierstimmigen Männerchor und Orgel (Text: Joseph Marx), bildet einen weiteren Meilenstein der Marxschen Chormusik, nicht zuletzt deshalb, weil Fragmente dieser auch als geistliches Werk aufführbaren Tonschöpfung im Jahre 1950 für den Wessely-Film "Cordula" sehr eindrucksvoll für gemischten Chor und Orchester arrangiert wurden, was im Jahre 2004 schließlich der Auslöser für eine vollständige Neubearbeitung des Neujahrshymnus für gemischten Chor und Orchester war (Bearb.: St. Esser u. B. Haydin).
Ähnlich verhält es sich mit einer ca. 1910 entstandenen, äußerst klangvollen Rarität namens Berghymne(Text: Alfred Fritsch), die von Marx als Particell für einstimmigen Chor und Orchester angelegt, jedoch nie fertig orchestriert worden ist, woraufhin dies im Jahre 2005 glücklicherweise nachgeholt wurde, so daß nun auch dieses Werk für gemischten Chor und Orchester vorliegt (Bearb.: St. Esser u. B. Haydin).
Ausschweifender Wohlklang und raffinierte Harmonik
Im Jahre 1910 schuf Marx seine einzige Komposition für Männerchor mit Orchesterbegleitung, den Morgengesang (Text: Ernst Decsey), ein melodisches Tongedicht in festlicher, choralartiger Stimmung auf Grundlage eines Cantus firmus, mit brucknerisch beeinflußten Steigerungen und einem ruhevollen Mittelteil von poetischer Naturempfindung. In denselben Jahren entstanden weitere Chorwerke, im einzelnen die reizvolle Abendweise (Text: Ernst Decsey) für Männerchor, Blechbläser, Pauken und Orgel sowie der heroische Gesang des Lebens (Text: Otto Erich Hartleben) für vierstimmigen Männerchor und Orgel.
Die Chorwerke von Joseph Marx einschließlich ihrer neu entstandenen Orchesterbearbeitungen sind bei der Universal Edition in Wien verlegt, wo auch weitere, nicht orchestrale Fassungen seiner Chorwerke und alle seine übrigen Kompositionen erschienen sind. In dem ausschweifenden Wohlklang und der raffinierten Harmonik dieser Tondichtungen spiegelt sich auch das vielseitige und schillernde Wesen ihres Schöpfers wider: Ein tiefgründiger Lyriker und sehnsuchtsvoller Optimist, der seine nie versiegende Daseinsfreude mit anderen teilen möchte. So nimmt der bedeutende Komponist Joseph Marx als "Mystiker des Glücks" einen ganz besonderen Platz in der Musikgeschichte ein und verdient daher vor allem im Hinblick auf seine klangvollen Chorwerke die längst überfällige Würdigung in den heutigen Konzertprogrammen.
CANTATE-Infokasten:
Die kürzlich in Wien gegründete Joseph-Marx-Gesellschaft, in der maßgebliche Vertreter der österreichischen
Musik vereint sind, will sich nicht nur für die reinen Orchesterwerke, sondern vor allem auch für die Chorwerke
des Komponisten einsetzen, insbesondere mit Blick auf das Jahr 2007, in dem des 125. Geburtstages von Joseph Marx
zu gedenken sein wird.
© Berkant Haydin
Er gilt als Österreichs produktivster Liederkomponist neben Hugo Wolf, doch seine von Naturbildern geprägten Orchesterwerke sind bis heute unentdeckt geblieben:
JOSEPH MARX (1882-1964)
Es ist bekannt, daß man in diesen Zeiten den sogenannten Liederfrühling mitmacht. Daßelbe gilt für Hugo Wolf; daßelbe gilt auch für Richard Strauss." Mit dieser autobiographischen Aussage über die Phase seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Gattung des Liedes (1905-1915) distanzierte sich Joseph Marx im Jahre 1952 retrospektiv von seinem Ruf als bloßer Liederkomponist. Auch ein Blick auf das breite Spektrum seines Oeuvres zeigt, daß Marx im Laufe seines rund 40jährigen Schaffens als Komponist tatsächlich die meisten Genres bedient hat, was wiederum die berechtigte Frage aufwirft, warum seine Orchester-, Kammer- und Chorwerke immer noch keinen festen Platz im Konzertrepertoire haben und größtenteils nie auf Schallplatte und CD erschienen sind.
Marx' Philosophie unterliegt strengen ästhetischen und dennoch nicht mit dem Verstand umsetzbaren Prinzipien: Einerseits mußte sich für ihn die hohe Kunst der Musik stets innerhalb der Grenzen der Tonalität abspielen; zum anderen war da seine spirituelle Bindung zur Natur, die ihn inspirierte und Musik direkt in seinem Herzen" entstehen ließ. Sein Ziel war hierbei, einen größtmöglichen Wohlklang zu erzielen und dadurch dem musikalischen Gesetz der Natur, wonach zur Schaffung einer vollendeten Melodie sämtliche Mittel der Tonalität bis ins letzte auszuschöpfen seien, gerecht zu werden. Bereits seine ersten Gedichte, die er als Kind schrieb, hatte er den geliebten Landschaften der Steiermark und Italiens gewidmet - seine Großmutter war gebürtige Italienerin -, und dies setzte er auch später fort, als er seine Natureindrücke in sinnliche Stimmungsbilder umsetzte, deren impressionistischer Geist sich vor allem in seinen symphonischen Werken offenbart. Im Ergebnis besitzt Joseph Marx' Musik einen typischen, unverkennbaren Klang, dem ein einzigartiges Mosaik verschiedenster Ansätze zugrundeliegt: eine mit Respighi verwandte südliche Stimmung von hoher atmosphärischer Dichte, die farbschillernde Harmonik eines Skrjabin oder Reger, der von reizender Überschwenglichkeit geprägte Impressionismus eines Debussy oder Ravel, eine an Brahms erinnernde meisterliche Polyphonie und die gehobene Lyrik eines Frederick Delius, doch auch eine Affinität zu Bruckner und Richard Strauss ist stellenweise spürbar.
Joseph Marx wurde am 11. Mai 1882 in Graz als Sohn eines Arztes und einer Pianistin geboren. Schon in frühester Jugend begann er, aus vorhandenen Themen Klavierstücke und kleinere Werke für Trio und Quartett zu arrangieren, und trat regelmäßig als Klavierbegleiter auf. Auch das ihm daraufhin vom Vater auferlegte Klavierspielverbot hinderte ihn nicht daran, sich weiterhin der geliebten Musik zu widmen, und so komponierte er noch vor seinem 20. Lebensjahr seine ersten Klavier- und Orgelstücke sowie einige Lieder. Nach der Matura studierte er bis zu seiner Promotion Philosophie an der Universität Graz und schrieb zwischen 1908 und 1912 ca. 120 seiner insgesamt 150 Lieder. Als hierdurch der Name des in Graz bereits gefeierten Liederkomponisten auch in Wien bekannt wurde, übernahm Marx den ihm 1914 angebotenen Posten des Professors für Theorie an der Musikakademie der Universität Wien, woraufhin er in den folgenden Jahrzehnten als einflußreiche Persönlichkeit eine ganze Musikergeneration unterrichtete und zahlreiche Kritiken und musikwissenschaftliche Schriften verfaßte.
Marx komponierte einige Chorwerke, darunter
Herbstchor an Pan für gemischten Chor, Knabenstimmen,
Orchester und Orgel (1911), ein symphonisches Gedicht,
entstanden in Erinnerung an einen leuchtenden Herbsttag in
der Untersteiermark". Bis 1915 hatte er seine erste Violinsonate
in A-Dur, mehrere Werke für Cello und Klavier, die
Trio-Fantasie und drei einsätzige Werke für
Klavierquartett geschrieben. Nach einer kurzen Schaffenspause
entstand das äußerst virtuos angelegte, vor Wohlklang
und Melodienreichtum nur so strotzende Romantische
Klavierkonzert und unmittelbar danach sein größtes
Werk, die Herbstsymphonie für großes Orchester
(1921). Diese berauschende, geradezu orgiastische Symphonie,
die unter anderem 1925 vom Wuppertaler Sinfonieorchester in
Elberfeld aufgeführt wurde und seit den Zwanziger Jahren
unbegreiflicherweise nie wieder zu hören war, enthält
einen wesentlichen Teil des von Marx in seinen Liedern verwendeten
Themenmaterials und stellt zudem eines der letzten noch
unentdeckten Großwerke spätromantischer Tonkunst dar,
das hinsichtlich polyphoner Themenverarbeitung und opulenter
Instrumentierung Maßstäbe gesetzt hat.
Marx muß nun erkannt haben, daß eine weitere Steigerung
kaum mehr möglich war, denn er schrieb als nächstes die
etwas zurückhaltendere Natur-Trilogie für großes
Orchester, bestehend aus der Symphonischen Nachtmusik,
der an Debussys Nachmittag eines Fauns" erinnernden
Idylle und der kraftvollen Frühlingsmusik. Nach
seiner Ernennung zum Rektor der Musikakademie komponierte Marx die
auf einer isländischen Liebestragödie basierende
Nordland-Rhapsodie für großes Orchester. Danach
entstand seine sicherlich hinreißendste Liebeserklärung
an Italien, das vom Romantischen Klavierkonzert stilistisch stark
abweichende zweite Klavierkonzert Castelli Romani, und als
Krönung seines recht umfangreichen Oeuvres für Sologesang
und Orchester schrieb er schließlich das letzte Werk seiner
1932 endenden Orchesterperiode": die märchenhafte
Liedersymphonie Verklärtes Jahr für mittlere
Singstimme und Orchester. Nachdem er 1932-1933 im Auftrag der
türkischen Regierung als Berater im Aufbau des Konservatoriums
in Ankara tätig gewesen war, arbeitete er bis 1938 als
Musikkritiker für das Neue Wiener Journal und übte
später dieselbe Tätigkeit für die Wiener Zeitung
aus. Während dieser Zeit wandte sich Marx musikalisch dem
Klassizismus zu und komponierte seine drei Streichquartette.
Anfang der Vierziger Jahre folgten die mit Elementen aus Haydns und
Schuberts Musik versetzten und dennoch impressionistisch
angehauchten Alt-Wiener Serenaden für großes
Orchester und schließlich seine zweite Violinsonate, die
Frühlingssonate in D-Dur für Violine und
Klavier.
Eines ist sicher: Die Musik von Joseph Marx ist nichts für Minimalisten. Er war ein bekennender Herzkomponist", der mit der Musik stets das auszudrücken versuchte, was er fühlte. Durch seine tiefe Liebe zur Natur schuf er Werke, die dank ihrer schwelgerischen Klangfülle und lyrisch-ekstatischen Hingabe einmalig sind. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Joseph Marx endlich auch jenseits seines Liedschaffens Bekanntheit erlangt und seinem gesamten Oeuvre die längst überfällige Würdigung zuteil wird.
© Berkant Haydin
Der oft als "bedeutendster Lyriker in der österreichischen Musik des 20. Jahrhunderts" bezeichnete Joseph Marx (1882-1964) hat nicht nur als einer der schillerndsten Repräsentanten der tonalen Musik Österreichs, sondern auch als Schöpfer vieler weltberühmt gewordener Lieder ein Stück österreichische Musikgeschichte geschrieben. Das intensive Naturerleben in der südsteirischen und italienischen Landschaft (bedingt durch seine italienischen Vorfahren mütterlicherseits) und vor allem eine tiefe Vorliebe für Lyrik sowie ein ausgesprochener Sinn für Ästhetik und Sinnlichkeit sind als Hauptquellen seiner künstlerischen Inspiration anzusehen, so dass man Marx fast als einen Gustav Klimt der Musik bezeichnen könnte. Schon früh zeigte sich bei ihm, ähnlich wie zur selben Zeit bei Skrjabin, eine deutliche Tendenz zum Streben nach dem Höchsten in der Kunst als Ausdruck für den transzendenten Aspekt des Daseins. Während sich jedoch Skrjabin auf der spirituellen Suche nach Toren zu höheren Dimensionen in einen metaphysischen Größenwahn hineinsteigerte, entwickelte sich Marx zu einer Künstlerseele reinster Prägung, die sich in den Welten der Musik, Kunst, Poesie und Mystik zu Hause fühlte.
Es ist überliefert, dass Marx, der schon allein mit seiner imposanten Erscheinung Aufsehen erregte, um die Jahrhundertwende mit einem riesigen Hut auf dem Kopf durch die Gassen von Graz spazierte und dabei meist von einer Menschentraube umzingelt war. Bereits zu dieser frühen Zeit bekannte Marx sich zu den komplexen Klangwelten von Max Reger, Claude Debussy und Alexander Skrjabin. Von diesen musikalischen Vorbildern sollte Reger, den Marx später den "Wiedererwecker des Bach'schen Geistes" nannte, der einzige bleiben, dem Marx persönlich begegnet ist. Reger wurde im Jahre 1905 bei einem Besuch in Graz auf den charismatischen 23-Jährigen aufmerksam und war überrascht, dass ein junger Grazer jedes noch so unbekannte Werk Regers in- und auswendig kannte, so dass er ausrief: "Der kennt das, der verfluchte Kerl!" Marx sollte sein fotografisches Gedächtnis für Partituren und sein enormes Vorstellungsvermögen für polyphone Klangstrukturen in späteren Jahren, als er zum aktivsten und international angesehensten Musikpädagogen Österreichs wurde, immer wieder unter Beweis stellen, wenn er seine Schüler mit auswendig vorgespielten Klavierauszügen aus Opern und einem schier unerschöpflichen Vorrat an musikwissenschaftlichen Querverweisen zu Werken selten gespielter Komponisten beeindruckte.
Als begabter Autodidakt, der in der Musikschule schon früh über seine Lehrer hinauswuchs (Marx entwickelte sich zu einem virtuosen Pianisten und brachte sich selbst das Cello- und Geigespielen bei), eignete Marx sich auch auf vielen anderen Gebieten wie Literatur, Kunst und den Naturwissenschaften einen beachtlichen Wissensschatz an und hatte Berichten zufolge sogar zu unbekannten anglo-amerikanischen Dichtern stets ein passendes Zitat auf Lager. Doch auch als Musikwissenschaftler erwarb er sich den Ruf eines anerkannten Gelehrten und Pädagogen, dem sogar von seinen späteren Gegnern aus der Avantgarde eine außerordentliche Kompetenz bescheinigt wurde. Auch die Tonsprache, die er als Komponist entwickelt hat, scheint bis in die kleinsten Details aus der Hand eines Perfektionisten zu stammen, dessen Bestimmung es war, Wissen zu vermitteln und zugleich für bestimmte Ideale einzutreten. Dieser Idealismus, den Marx sich bis zu seinem Tode bewahrt hat, entspringt seiner starken Affinität zu den klassischen Werten der Antike, die er gern mit mythologischen Inhalten (Pan, Dionysos) in Verbindung brachte. Man findet diese Elemente hochgeistiger, spiritueller Lebensart in vielen seiner musikalischen Werke, so am eindrucksvollsten in seinen Chorwerken Ein Neujahrshymnus und Herbstchor an Pan, aber auch im zweiten Klavierkonzert Castelli Romani sowie in vielen seiner Lieder und in seinem Hauptwerk, der monumentalen Herbstsymphonie.
Erstaunlicherweise gelang es Marx, diese geistigen Vorstellungen mit seinem musikalischen Ästhetikbekenntnis konsequent zu vereinen. Daraus entstand ein ureigener Stil von hohem Wiedererkennungswert, der von einem starken Sinn für Polyphonie und einer unkonventionellen Harmonik gekennzeichnet ist, dabei jedoch stets auf maximale Klangwirkung abzuzielen scheint. Ähnlich wie Reger schöpfte auch Marx die Möglichkeiten der Tonalität voll aus, was ihm den Ruf des Erneuerers unter den führenden "konservativen" Komponisten Österreichs einbrachte. Außerdem zeigt sich bei Marx eine weitere Parallele zu Reger, die erneut auf seine erzieherische Ader hinweist: Viele der Partituren von Joseph Marx können im Hinblick auf Harmonik, Polyphonie und Kontrapunktik als wahre Lehrstücke bezeichnet werden und stecken somit voller spieltechnischer Schwierigkeiten, was insbesondere in seinen Orchesterwerken zum Tragen kommt. Während jedoch die hohen kompositorischen Ansprüche des Komponisten meist in einem überwältigenden Klangrausch gipfelten, zeigen die hier eingespielten Streichquartette den Komponisten von einer ganz anderen, nicht minder bemerkenswerten Seite. Die in den Dreißigerjahren entstandenen drei Streichquartette sind das Ergebnis der jahrzehntelangen Entwicklung eines Idealisten, der von seinem 30. Lebensjahr an stets im Mittelpunkt des Wiener Musiklebens gestanden und damit die unterschiedlichsten musikästhetischen und politischen Veränderungen über eine lange Zeit hautnah miterlebt hat.
Den Grundstein für seinen späteren Ruf als Leitfigur und Oberhaupt der tonalen Musiker Österreichs legte Marx während seines Philosophiestudiums in Graz, als er umfangreiche tonpsychologische Hörversuche an einer großen Zahl von musikalisch unterschiedlich geschulten Testpersonen durchführte. Seine Ergebnisse fasste Marx zunächst in der mit dem ersten "Wartinger-Preis" der Philosophischen Fakultät ausgezeichneten Arbeit "Welche psychologischen Gesetzmäßigkeiten begreift die Musiktheorie unter dem Namen der Tonalität" und später - nach weiteren Ergänzungen - in seiner der Philosophischen Fakultät im Jahre 1909 vorgelegten Doktorarbeit mit dem Titel "Über die Funktion von Intervall, Harmonie und Melodie beim Erfassen von Tonkomplexen" zusammen. Darin kommt Marx zu dem Ergebnis, dass der menschliche Geist dazu neige, bei komplexeren Akkorden Töne und sogar übersprungene Tonarten hinzuzuhören und Klangstrukturen mit tonaler Bedeutung auszustatten. Marx, der zutiefst überzeugt war, dass der menschliche Geist atonalen Harmonisierungen einen Widerstand entgegensetze, erhob die Tonalität bereits zu dieser frühen Zeit in den Status eines universellen Naturgesetzes und nahm seine spätere Argumentation gegen alle die Tonalität überschreitenden Kompositionstechniken damals schon vorweg. Dennoch sollte Marx viel später als Kritiker und Juror bei Kompositionswettbewerben entgegen seiner Überzeugung auch atonale Werke loben, wenn er in ihnen wenigstens "interessante Klangwirkungen" zu entdecken vermochte.
Noch bevor Marx zum Doktor der Philosophie geworden war, hatte er zahlreiche, erst kürzlich erschlossene Orgelstücke in romantischer Tradition und eine Vielzahl von Liedern komponiert, aufgrund derer man ihn später als rechtmäßigen Weiterentwickler des Hugo Wolfschen Liedes bezeichnen sollte. Im März 1909 nahm sein Leben eine Wende, als er durch einen sensationellen Liederabend in Graz, der Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterte, schlagartig berühmt wurde. Es folgten weitere Konzerte in der Steiermark und später auch in anderen Teilen Österreichs. Als der inzwischen auch in Wien bekannt gewordene Marx im Jahre 1914 als Professor für Musiktheorie und Komposition an die Wiener Musikakademie berufen wurde, wo er Seite an Seite mit berühmten Zeitgenossen wie Franz Schreker und Franz Schmidt unterrichten sollte, gehörten Marxens Lieder bereits in ganz Europa zum festen Repertoire.
In den Jahren nach 1910 schrieb der gefeierte Vokalkomponist ein halbes Dutzend klangvoller, teils prunkvoll besetzter Chorwerke - u.a. Ein Neujahrshymnus, Herbstchor an Pan, Berghymne und Morgengesang - sowie einiges an Kammermusik (u.a. drei Klavierquartette, die erste Violinsonate, eine Trio-Phantasie, Werke für Cello und Klavier) und eine zweite Serie von Klavierstücken (die ersten, um 1905 entstandenen Klavierstücke wurden erst kürzlich erschlossen und stehen nun vor ihrer Veröffentlichung). 1922 wurde er in der Nachfolge von Ferdinand Löwe zum Leiter der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst ernannt und 1924 zum Rektor dieser Institution gewählt, die im selben Jahr auf seine Initiative hin eine Aufwertung zur ersten Hochschule für Musik in Wien erfahren hatte. Während der Zwanzigerjahre komponierte Marx ausschließlich groß angelegte Orchesterwerke (Romantisches Klavierkonzert, Eine Herbstsymphonie, Natur-Trilogie, Nordland-Rhapsodie, Castelli Romani u.a.) und erlangte in der Musikwelt einen Namen als "Vorzeigepädagoge" Österreichs: Talentierte Schüler aus aller Herren Länder kamen nach Wien, um ihr Handwerk bei ihm zu erlernen. Es waren über 1.300 Studenten, die Marx - häufig auch unentgeltlich in seiner Freizeit - während seiner insgesamt 38-jährigen Lehrtätigkeit in Wien und später in den Fünfzigerjahren in Graz in den Fächern Komposition, Musiktheorie, Harmonielehre und Kontrapunkt unterrichtet hat.
Welch polarisierende Figur Joseph Marx aber schon wenige Jahre nach seiner Übersiedlung nach Wien war, wird deutlich, wenn man an sein 1921 uraufgeführtes, in purer Melodienfreude schwelgendes Romantisches Klavierkonzert denkt, durch dessen Titel Marx sein musikalisches Bekenntnis erstmals explizit in einem Werkstitel kundtat. Einen weiteren Höhepunkt der musikästhetischen Auseinandersetzungen bildete die durch eine Gruppe pfeifender Saboteure gezielt gestörte Uraufführung seiner noch orgiastischeren Herbstsymphonie im Jahre 1922. Im selben Jahr unternahm Marx kurioserweise den Versuch, Arnold Schönberg, mit dem er sich aufgrund ihrer gemeinsamen Liebe zur Malerei angefreundet hatte, als Professor für die von Marx geplante, 1924 zu errichtende Hochschule für Musik in Wien zu gewinnen. Doch Schönberg erteilte Marx in einem Brief vom Dezember 1922 eine folgenschwere Absage, wodurch möglicherweise eine historische Chance für eine friedliche Koexistenz von Tonalität und Zwölftonmusik in Wien zu einem sehr entscheidenden Zeitpunkt vertan wurde.
So nahmen die Dinge ihren Lauf: Marx wurde Mitte der 1920er Jahre wie selbstverständlich in die Rolle des Heerführers gegen die unliebsamen avantgardistischen Strömungen hineinmanövriert, und mit dem Erstarken des Schönberg-Kreises vergrößerte sich die Kluft zwischen den so gegensätzlichen Musikrichtungen. Als Marx in seiner Inaugurationsrede als einstimmig gewählter, künftiger Rektor seine Vorstellung zur Naturgegebenheit der Tonalität darlegte, erntete er tosenden Beifall und fühlte sich dadurch in seinen Überzeugungen voll und ganz bestätigt. Marx, der mit Künstlern wie Godowsky, Korngold, Puccini, Respighi, Strauss und Szymanowski befreundet war, genoss auch von Seiten ausländischer Kollegen eine ungewöhnlich hohe Wertschätzung. Dazu zählen der Cellist Pablo Casals, aus dessen Sicht Marx "für die Erhaltung der Musikkultur der Zukunft absolut nötig" war, und der bedeutende russische Spätromantiker Nikolai Medtner, für den ein persönliches Treffen mit Marx "ein unerwartetes Geschenk und ein Zeichen war, dass alles Fantastische und ewig Romantische noch immer da ist". Doch Marxens größter Bewunderer war zweifellos Kaikhosru Shapurji Sorabji, der als einer der exzentrischsten und rätselhaftesten Klaviermusikkomponisten des Zwanzigsten Jahrhunderts gilt. Laut seinem Biographen Alistair Hinton hat Sorabji Joseph Marx über alle Maßen verehrt und Jahrzehnte lang Partituren aller Werke von Marx gesammelt, konnte sich jedoch seinen Lebenstraum, einmal die Herbstsymphonie zu erleben, nie verwirklichen.
Einen weiteren wichtigen Meilenstein seiner Laufbahn erlebte Marx in den Jahren 1932-33, als er von Atatürk beauftragt wurde, als erster Berater und Gutachter der türkischen Regierung beim westlich orientierten Aufbau des (später von Paul Hindemith und Bela Bartok weiter ausgebauten) türkischen Konservatoriums, Musikschulsystems und Konzertwesens zu wirken. Für die Dauer dieser damals international vielbeachteten Tätigkeit holte Marx zu seiner Vertretung an der Universität seinen Freund Maurice Ravel nach Wien. Um sich als Pädagoge auch weiterhin für die "Rettung der untergehenden Musikkultur" einsetzen zu können, verbrachte Joseph Marx die Dreißigerjahre und den Zweiten Weltkrieg in Wien, obwohl das NS-Regime ihn 1938 all seiner vorherigen Ämter in den Vorständen diverser Institutionen enthob. Nach 1945 spielte Marx u.a. als Präsident des Österreichischen Komponistenbundes und der Mozartgemeinde sowie als Vorsitzender vieler weiterer Vereinigungen und Gremien eine dominierende Rolle beim Wiederaufbau des mitteleuropäischen Musiklebens nach dem Zweiten Weltkrieg (u.a. in Polen) und bei der Wiederherstellung der internationalen Beziehungen Österreichs. Dafür wurde Marx mit höchsten Auszeichnungen wie z.B. dem ersten Großen Österreichischen Staatspreis für Musik (1951) belohnt und sogar als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten gehandelt. Als einflussreicher Würdenträger wirkte Joseph Marx in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens, bis zu seinem Tode im Jahre 1964, weiterhin mit vollem Einsatz als Pädagoge, Kritiker, Juror und Musikfunktionär und blieb auf diese Weise dem österreichischen Musik- und Kulturleben, das er so lang wie kein anderer mitgestaltet und geprägt hatte, bis zu seinem letzten Atemzug treu.
Die hier eingespielten Streichquartette entstanden in einer Zeit, als Marx die von Nazideutschland ausströmende Gefahr für Österreich und den bevorstehenden Werteverfall hatte kommen sehen. Seiner erzieherischen Neigung und großen Skepsis gegenüber der Zukunftsträchtigkeit der musikalischen Avantgarde treu bleibend, schrieb der Idealist Joseph Marx im Jahre 1936 zum einen als pädagogischer Leitfaden für Jungkomponisten und außerdem als Beweis für die außerordentlich vielfältigen Möglichkeiten der Tonalität das Streichquartett in A-Dur (1948 überarbeitet und in Quartetto chromatico umbenannt). Nur ein Jahr später schuf er in der Hoffnung, mit den von ihm hochgehaltenen Werten der Antike die politisch dunklen Zeiten "erleuchten" und ethisch verbessern zu können, das Quartetto in modo antico (1937/38). Zwei Jahre nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland, während viele seiner Freunde in den Kriegswirren ums Leben kamen oder deportiert wurden, komponierte der hiervon zutiefst bestürzte Marx das wesensverwandte Quartetto in modo classico (1940/41). Somit können diese drei Streichquartette (von denen Marx das "antico" und das "classico" in den Jahren 1944 und 1945 für Streichorchester arrangiert hat) sowohl aufgrund der erstmaligen Abweichung des Komponisten vom schwelgerischen spätromantisch-impressionistischen Stil als auch wegen der humanistischen Botschaft dieser Musik quasi als eine Einheit betrachtet werden.
Als das musikalisch atypischste Werk von Marx kann das am 28. November 1940 vom Mozartquartett in Graz uraufgeführte Quartetto in modo antico angesehen werden. Atypisch deshalb, weil hier kein einziger chromatischer Schritt und auch keine regellosen Dissonanzen auftauchen - und dies bei einem Komponisten, der sich noch bis Anfang der 1930er Jahre dem spätromantischen Überschwang hingegeben hatte. Marx verknüpfte hier die Kirchenmodi mit der strengen linearen Satztechnik eines Palestrina oder Orlando di Lasso. Er stellt deutlich heraus, dass das Werk als eine Ehrung an die alten Meister der Vokalpolyphonie verstanden werden soll. Zudem verweist Marx auf den Geigenden Eremiten aus der Böcklin-Suite von Reger. Der erste Satz des Quartetto in modo antico steht im mixolydischen Modus und zeichnet sich durch weitläufige Kadenzen mit reizvollen harmonischen Wendungen aus. Dem zweiten Satz dient der dorische Modus als Grundlage. Daraus entfaltet sich ein Scherzo mit einer anschließenden Kadenz und einem Trio von pentatonischem Charakter. Im archaischen "Phrygisch" steht der dritte Satz (Adagio molto), während der von einem Wechselspiel zwischen kontrapunktischem Rausch und ruhigeren Durchgängen gekennzeichnete vierte Satz erneut den mixolydischen Modus erkennen lässt und das Werk zu einem kontemplativen Abschluss bringt.
Das Quartetto in modo classico (anlässlich des 60. Geburtstags des Komponisten am 27. April 1942 durch das Wiener Konzerthaus-Quartett uraufgeführt) präsentiert dem Hörer erneut einen Ausflug durch die Musikgeschichte Wiens. Wiederum ist die Form klassizierend in der Klarheit eines Haydn, doch die Tonsprache ist nun eher der Romantik zugewandt. Eröffnet von einem Sonatenhauptsatz in lockerem Charakter tastet sich das Werk zu einem klagenden gesanglichen Adagio vor, in dem man kaum eine Orientierung zu spüren vermag. Der dritte Satz im "Tempo di Menuetto" lässt unverhüllt die enge Verwandtschaft zum dritten Satz des von Marx 1941 komponierten Orchesterwerkes Alt-Wiener Serenaden durchschimmern. Der Finalsatz lässt hingegen wieder Fugentechnik erkennen. Wie bereits im Schlusssatz des Quartetto in modo antico wird auch hier das Kopfthema aus dem Sonatenhauptsatz aufgenommen.
Das hier in der Version von 1948 eingespielte Quartetto chromatico (übrigens hat Marx nach 1948 nie wieder komponiert) ist, wie bereits der Titel vermuten lässt, von ständigen Tonartwechseln und starker Chromatik geprägt. Die harmonischen Wendungen erscheinen derart unbeständig, dass es dem Hörer immer nur für kurze Zeit gelingt, eine bestimmte Tonart auszumachen. In der leidenschaftlichen Grundstimmung spiegelt sich die Sehnsucht nach alten, unbeschwerten Zeiten wider, denen Marx hier zweifellos nachtrauert, wie auch durch viele seiner Briefe aus dieser Phase belegt ist. Der erste Satz enthält Anklänge an einige wehmütige Lieblingsthemen des Komponisten, die dieser auch in anderen Werken verarbeitet hat (u.a. in der groß angelegten Natur-Trilogie für Orchester). Der zweite Satz ist ein lebhaftes Scherzo mit romantischen, teils sogar wienerisch anmutenden Tanzmotiven, die jeweils durch rastlos wirkende Tonartwechsel miteinander verbunden sind. Im dritten Satz ("Sehr langsam und ausdrucksvoll") erklingt ein dissonanzreiches, äußerst elegisches Thema aus dem dritten Satz der Herbstsymphonie, woraufhin der vierte Satz das Werk zu einem lebhaften Abschluss in A-Moll bringt. Die Uraufführung spielte das Konzerthaus-Quartett im Dezember 1937 in Wien.
Da eine "klassische" oder "antike" Skala bekanntlich nicht existiert, haben die Bezeichnungen "modo classico" und "modo antico" keine musiktheoretische Entsprechung. Vielmehr stellen diese scheinbaren Tonartbezeichnungen einen leider zum Scheitern verurteilten Versuch des Komponisten dar, die Ideale der Klassik und der Antike in die von Feindseligkeit und Werteverfall geprägte Entstehungszeit seiner Werke zu transportieren und somit eine Botschaft des Friedens und der ethischen Rückbesinnung zu formulieren. Die Art, mit der Marx in diesen Werken Altes und Neues miteinander verschmelzen ließ, um daraus eine wahrhaft zeitlose Kunst zu erschaffen, zeugt nicht nur von der tiefen Sehnsucht, die den Komponisten stets vorantrieb, sondern auch von einem außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen. Dies unterstreicht die Sonderstellung dieser Streichquartette als musikalische Denkmäler des Humanismus und liefert einen untrüglichen Beweis für die Genialität von Joseph Marx.
© Berkant Haydin
Am 9. Mai 1952 schrieb der spätere österreichische Bundespräsident Franz Jonas dem Komponisten Joseph Marx (1882-1964) zu dessen 70. Geburtstag: "Ihr Ruf als der repräsentativste Vertreter der österreichischen Tonkunst in der Gegenwart ist weit über die Grenzen unseres Landes hinaus in der Welt verbreitet, und die vollendete Meisterschaft Ihrer musikalischen Schöpfungen hat Ihnen die bewundernde Anerkennung einer internationalen Anhängerschaft eingebracht."
Aus der Geschichte kennt man eine Vielzahl von Künstlern, die zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, inzwischen jedoch weltweiten Ruhm genießen oder gar zu einer festen Institution geworden sind. Bei Joseph Marx ist offenbar genau das Gegenteil eingetreten. Seine Stellung als eine der führenden Musikerpersönlichkeiten Österreichs war während der gesamten zweiten Hälfte seines langen Lebens unumstritten. Dennoch weiß man heute, abgesehen von den allgemein bekannten biographischen Daten und Lebensstationen, nur wenig über seine Leistungen und musikalischen Werke.
Als Schöpfer zahlreicher weltberühmt gewordener Lieder und durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als international hochgeschätzter Musikpädagoge, Autor und Kritiker hatte der als Sohn eines Arztes in Graz geborene Joseph Marx einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Musik des 20. Jahrhunderts. Menschen, die ihn noch persönlich erlebt haben, berichten, daß er in der Wiener Musikszene über einen langen Zeitraum die unbestreitbare Schlüsselposition innehatte. Wie wir dank des von der österreichischen Nationalbibliothek in Wien verwalteten riesigen Briefnachlasses unlängst erfahren haben, war Marx außerdem die wichtigste Kontaktadresse für viele verfolgte, von der Deportation bedrohte oder vertriebene Musiker (z.B. Erich Wolfgang Korngold, Hugo Fleischmann, Ernst Kanitz oder Frederick Dorian) und spielte eine nachhaltige Rolle bei ihrer Etablierung im Österreich der Nachkriegszeit. Zudem hat Marx nach 1945 mit großem Einsatz an der Wiederbelebung des polnischen Musiklebens mitgewirkt, das unter dem nationalsozialistischen Regime stark gelitten hatte.
Eine ganz andere Seite seiner Autorität zeigt sich darin, daß Marx der wohl einflußreichste und aktivste Gegner der von Arnold Schönberg begründeten "Neuen Wiener Schule" war. Als Jurymitglied bei verschiedenen Kompositionswettbewerben sowie als Kritiker für das Neue Wiener Journal und die Wiener Zeitung war Marx bei den Modernisten gefürchtet und fand in der Regel nur dann ein lobendes Wort für ihre Werke, wenn diese noch einigermaßen tonal gebunden waren. So ist es nicht verwunderlich, daß er seiner Philosophie, der Hörer könne Zwölftonmusik niemals "mit dem Herzen" verstehen, für immer treu geblieben ist. Dies ist nicht nur in seinen Kompositionen, sondern auch in seinem schriftstellerischen Vermächtnis, dem in seinem Todesjahr 1964 erschienenen anspruchsvollen Buch Weltsprache Musik, auf eindrucksvolle Weise dokumentiert.
In den Jahrzehnten nach seiner Ernennung zum Professor für Theorie an der Wiener Musikakademie im Jahre 1914 hatte Marx eine ungeheure Zahl beruflicher Aufgaben und Funktionen zu erfüllen. Da er zudem für seine enorme Hilfsbereitschaft bekannt war, wurden fast bis an sein Lebensende permanent Anfragen aller Art an ihn gerichtet, deren Bearbeitung ihn sicherlich einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit gekostet hat. Trotzdem erteilte er in seiner Eigenschaft als Pädagoge sogar unentgeltlich Privatunterricht in seiner Freizeit, wenn Schüler einer zusätzlichen Förderung bedurften. Daher überrascht es sehr, daß der überaus populäre und vielbeschäftigte Marx nach seiner ersten, äußerst aktiven Schaffensperiode (bis 1916 ca. 150 Lieder sowie Orgel-, Kammer-, Chor- und Soloklaviermusik) überhaupt jemals wieder Zeit zum Schreiben größerer Werke fand.
Die Sommermonate, auf die seine kompositorischen Phasen meist beschränkt waren, verbrachte Marx mit Vorliebe in einem ruhig gelegenen Landhaus bei Graz, das ihm häufig auch als Treffpunkt mit Freunden diente (darunter viele namhafte Künstler wie Franz Schmidt, Leopold Godowsky, Franz Schreker, Wilhelm Kienzl und Anton Wildgans). Dort entstand zunächst das klangvolle und äußerst virtuos angelegte Romantische Klavierkonzert (1916-19), anschließend sein Hauptwerk, die Herbstsymphonie (1920-21), und danach - zur Zeit seiner neuen Funktion als Direktor der Musikakademie in Wien - die hier eingespielte Natur-Trilogie (1922-25). Es folgten weitere erfolgreiche Orchesterwerke wie z.B. die Nordland-Rhapsodie (1926-29), das zweite Klavierkonzert Castelli Romani (1929-30), Verklärtes Jahr für mittlere Singstimme und Orchester (1930-32) und die Alt-Wiener Serenaden (1941-42).
Bei der vorliegenden Aufnahme der Natur-Trilogie handelt es sich in doppelter Hinsicht um eine Weltpremiere. Obgleich vom Komponisten als dreisätziges, zusammenhängendes Werk entworfen, hatte die Komplexität der Stücke (vor allem der Symphonischen Nachtmusik und der Frühlingsmusik) zur Folge, daß von Anfang an keine Gesamtaufführungen vorgesehen waren. So wurden die Einzelwerke bis zu ihrer heutigen Wiederentdeckung niemals gemeinsam zur Aufführung gebracht. Wahrscheinlich als weitere Konsequenz der technischen Schwierigkeiten weisen die Partituren eine Reihe von Kürzungen auf. In dieser Form wurden die Stücke noch bis vor einigen Jahrzehnten gelegentlich aufgeführt, bis sie schließlich ganz aus den Konzertprogrammen verschwanden. Somit handelt es sich bei dieser Aufnahme nicht nur um die erste kommerzielle Einspielung, sondern sicherlich auch um die erstmalige Würdigung des Gesamtwerks in seiner kompletten Originalfassung.
Die Uraufführung der Stücke fand im Februar, März und Dezember 1926 unter der Leitung des Dirigenten Clemens Krauss in Frankfurt am Main und in Wien statt. In den folgenden Jahrzehnten wurden sie von bedeutenden Orchestern unter Dirigenten wie Oswald Kabasta, Karl Böhm, Clemens Krauss, Karl Etti, Max Loy und Fritz Reiner unter anderem in Wien, Graz, Frankfurt am Main, Berlin und Cincinnati gespielt und stets mit Begeisterung aufgenommen.
In Klangfülle und Opulenz etwas zurückhaltender als die zuvor entstandene monumentale Herbstsymphonie, ist die Natur-Trilogie ein farbenreiches Opus voller romantisch-lyrischer Leidenschaft und zugleich ein tiefes Bekenntnis zum Impressionismus. Der thematische Aufbau zeugt von der spirituellen Naturverbundenheit des Komponisten, der die eindrücklichen Stimmungen im Herzen der unberührten Landschaften seiner Heimat herrlich umzusetzen wußte. Darin erkennen wir das Werk eines wahren Klangzauberers in Harmonie und Orchestrierung, faszinierend durch vollendete Polyphonie und modern-geschmeidigen Kontrapunkt. All diese Stärken verschmelzen bei Joseph Marx zu einem höchst individuellen, unverwechselbaren Stil und unterstreichen seinen verdienten Ruhm als "Meister des Wohlklangs".
In der Symphonischen Nachtmusik (1922), ursprünglich Mondnacht genannt, öffnet sich das Tor zu einem friedvollen Garten Eden. Wie ein Grillenzirpen erklingen die Vibrati der Streicher und es erhebt sich ein geschwungenes Thema im Tutti zu einer gemächlich daherfließenden, kantablen Melodie - der Mond bittet zur Audienz. Die Solovioline singt das Lied der Nachtigall, das sogleich vom Orchester aufgegriffen wird und sich zu sinnlichsten Dimensionen aufschwingt. Glückselige Liebende vereinen sich im Rondo des Mittelteils zu einem berauschenden Tanz. Der Bogen zum Beginn schließt sich und schimmerndes Mondlicht taucht die mediterrane Landschaft in eine surreale, beinahe mystische Stimmung.
Seine tief romantische Grundhaltung und Verehrung für Debussy bringt Marx in der Idylle (1925) formvollendet zum Ausdruck. Der in F-Dur stehende Mittelteil der Trilogie trägt den Untertitel Concertino über die pastorale Quart und wird von einer Solo-Klarinette umrahmt, die durch eine Adaption des berühmten Flötenthemas aus dem "Nachmittag eines Faun" prägend in das Stück hineinführt. Archaisierende Quarten zaubern eine mediäval anmutende Pastorale. Förmliche Instrumentierung in französischer Manier und eine geistreich schwebende, kunstvoll zurückhaltende Atmosphäre zeichnen hier das Gemälde eines nebligen, südeuropäischen Herbstwaldes zur Morgendämmerung. Zweifellos hat Marx mit der Idylle eine kongeniale Hommage an Debussys Prélude geschaffen, wenn nicht sogar ein eigenständiges Meisterwerk höchster Güte.
Die Frühlingsmusik (1925) führt aus der Kontemplation in ein Wiedererwachen der Natur: Auftauende Bäche, tanzende Waldgeister, Vogelgesänge, zartgrüne Knospen und himmlische Düfte scharen sich im Einklang zu einer urmusikalischen Hymne. Obgleich die Sätze der Trilogie eher charakteristisch als formal miteinander verwandt sind, werden durch einzelne Episoden mit schier unerschöpflichem Variationsgenie motivische Anklänge untereinander geschaffen. So tauchen zu Beginn der Frühlingsmusik Variationen des Hauptthemas der Symphonischen Nachtmusik auf, ihr Mittelteil hingegen zeigt sich in Form und Stimmung als Reminiszenz an die Idylle. Zum Ende des Werkes, wenn das zauberhafte Einleitungsthema der Trilogie ein letztes Mal erklungen ist, jubilieren alle Naturgesänge im Chor und sämtliche Motive gipfeln in einer geradezu metaphysischen Ekstase der Schöpfung.
© Berkant Haydin & Martin Rucker
Betrachtet man Joseph Marx (1882-1964) als reinen Liederkomponisten, sieht man in Wirklichkeit nur die Spitze eines Eisbergs. Denn der hochgebildete und weltgewandte Tonkünstler aus Graz hat neben seinen rund 150 Liedern nicht nur ein beachtliches Oeuvre im Bereich der Orchester-, Kammer-, Klavier-, Orgel- und Chormusik hinterlassen, er genoß über sehr lange Zeit auch hohes Ansehen als einer der aktivsten Musikfunktionäre, Kompositionslehrer und Musikkritiker der mitteleuropäischen Spätromantik des 20. Jahrhunderts.
Dennoch steht außer Frage, daß Marx seine beispiellose Karriere in Wien und seinen internationalen Ruhm ursprünglich dem ungeheuren Erfolg seiner Klavierlieder zu verdanken hatte. Einen Großteil der Lieder, die später von Lotte Lehmann, Ljuba Welitsch, Elisabeth Schumann, Arleen Auger, Hermann Prey und vielen anderen gesungen wurden, schrieb er noch vor seinem 30. Lebensjahr, zur Zeit seiner Promotion an der Grazer Universität zum Doktor der Philosophie. Nichtsdestotrotz offenbart sich hier bereits sein eigener Stil, der von komplexer, farbschillernder Harmonik und einem beeindruckenden Melodienreichtum geprägt ist. Sicherlich stehen seine Lieder denen von Richard Strauss nahe, doch Marx verwendet bereits eine etwas modernere Tonsprache, die oft an Arnold Bax oder an Werke seiner Freunde Franz Schreker und Erich W. Korngold erinnert und bisweilen auch Gemeinsamkeiten mit amerikanischen Komponisten wie Charles M. Loeffler oder europäischen Vertretern wie Vitezlav Novak und Ottorino Respighi erkennen läßt.
Unter den Künstlern, die ungefähr zur selben Zeit eine Brücke von der Spätromantik zum Impressionismus geschlagen haben, gehört Marx sicherlich zu den interessantesten Erscheinungen. Bereits seine ausgezeichneten Klavierstücke von 1916 zeigen anschaulich die Diskrepanz zwischen seiner hochromantischen Ader und den von ihm häufig eingesetzten, deutlich moderneren Ausdrucksformen. In der vorliegenden Einspielung wird dies hauptsächlich in der fast zwei Jahrzehnte nach seinem "Liederfrühling" entstandenen Liedersymphonie Verklärtes Jahr (1930-32) deutlich.
Diese unterschwellige Affinität zum Modernismus mag ein wenig erstaunen, denn als Kritiker und Pädagoge hat Marx bekanntlich eine einflußreiche Rolle als Bewahrer der musikalischen Tradition gespielt. Dabei war er übrigens in bester Gesellschaft, denn viele seiner Zeitgenossen der tonalen Musik machten aus ihrer Abneigung gegen die Atonalität und Zwölftontechnik ebenfalls kein Geheimnis. So bezeichnete beispielsweise Delius - eines von Englands musikalischen Pendants zu Joseph Marx - Schönbergs progressiven Stil als "atonale Häßlichkeit".
Wie dem auch sei, zeigt das eingehende Studium des Marxschen Gesamtoeuvres insbesondere im direkten Vergleich mit den obengenannten stilverwandten Komponisten, daß er - entgegen einem hauptsächlich in Österreich und Deutschland noch weitverbreiteten Irrtum - keineswegs ein erzkonservativer oder gar reaktionärer Komponist war. Vielmehr bringen seine Werke die große Spannbreite seiner musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten zum Vorschein und weisen ihn als einen der letzten großen Vertreter der noch im 19. Jahrhundert geborenen Komponistengeneration aus, die zwar von moderneren Strömungen beeinflußt wurde, der Tonalität jedoch stets treu geblieben ist.
Auf Anfrage von Künstlern oder Orchestern und sicher auch in der Absicht, die Aufführungshäufigkeit seiner Werke zu erhöhen, arrangierte Joseph Marx ungefähr 20 seiner Lieder mit Orchester- bzw. Streicherbegleitung. In dieser Form wurden sie von Dirigenten wie Nikisch, Alwin, Loewe, von Hausegger, Krauss und Horvat aufgeführt. Dennoch stellen die Orchesterlieder im Gegensatz zu den recht häufig gespielten Klavierliedern geradezu Raritäten dar, die mit Ausnahme des Marienliedes noch nie zuvor auf Tonträger erschienen sind. Taucht man in diese opulente Klangwelt ein, entdeckt man bald, mit welch enormem Gespür Marx die Texte vertont und den häufig sehr anspruchsvollen Klavierpart orchestriert hat. Ohne Zweifel gehören diese Werke zum Schönsten, was Joseph Marx je geschaffen hat.
"Hat Dich die Liebe berührt" (1908, nach Heyse) ist eines der frühen Lieder des Komponisten und zugleich eines der berühmtesten. Jeder Akkord in diesem meisterhaft durchkomponierten Werk trägt den Affekt des Liebesverlangens in sich.
Die Sehnsucht als stets wiederkehrendes Motiv finden wir bei Marx auch in "Waldseligkeit" aus dem Jahre 1911 (nach Dehmel) und in dem von Novalis gedichteten "Marienlied" (1909). Der Orchesterpart des letzteren wurde als Filmmusik in dem 1950 entstandenen Drama "Cordula" verwendet, ebenso einige instrumentale Anklänge aus "Hat dich die Liebe berührt".
Eine spezielle gesangstechnische Schwierigkeit fordert die Sopran-Stimme in "Selige Nacht" (1912, nach Hartleben) heraus: Einige Töne liegen im Bereich des Passagio (Registerbruch) und sind daher mit Transparenz und Feingefühl vorzutragen. Interessanterweise wurden mehrere von Marx vertonte Texte auch vom Schönberg-Kreis verwendet. So basiert beispielsweise "Selige Nacht" auf demselben Text, den Alban Berg für eines seiner "Sieben Frühen Lieder" benutzt hatte.
Die ausgedehnte "Barkarole" nach v. Schack (1909) ist für ein vergleichsweise großes Orchester geschrieben und könnte einen eigenständigen "Symphoniesatz" mit obligater Singstimme bilden. Dieses herrliche Stück hätte wohl ebenfalls als Filmmusik Verwendung finden können. Obwohl Marx gewiß einer der größten Melodiker seiner Zeit war, ist er als einer der führenden österreichischen Vertreter der ernsten Musik nie im Bereich des Films aktiv gewesen, hat aber dafür viele spätere Größen der Unterhaltungs- bzw. Filmmusik unterrichtet.
Von Gefühlen der Heiterkeit durchdrungen ist das "Sommerlied" (1909, nach Geibel), gleichsam wie das berühmte "Japanische Regenlied" (1909). Das letztere läßt sich formal-charakterlich mit "Hat dich die Liebe berührt" vergleichen, das ebenfalls in Es-Dur steht. In Marxens Vertonung zu Geisslers "Zigeuner" (1911) - dem Pendant zu Hugo Wolfs "Zigeunerin" nach Eichendorff - erscheint der Frohmut fast schon leidenschaftlich. Hier wird in der zweiten Verszeile rhythmisch das traditionelle Hochzeitslied zitiert. Auch wenn Marx bekanntlich nie Bühnenwerke schrieb, scheinen einige seiner Lieder nahezu in das Operettenhafte abzuschweifen. Am deutlichsten spürbar ist dies in dem erheiternden Lied "Der bescheidene Schäfer" (1910, nach Weisse). Ganz anders dagegen die 1909 entstandenen, ernsthaft-tiefgründigen Lieder wie "Maienblüten" nach Jakobowski, das wuchtig aufschwingende "Jugend und Alter" sowie die stark an Schumann angelehnte "Erinnerung" (nach Eichendorff).
Bereits in frühester Kindheit hatte Marx die Vielfalt der mediterranen Landschaften kennengelernt (seine Großmutter war gebürtige Italienerin). Später folgten ausgiebige Italienreisen. Das ernste, sehnsuchtsvolle "Piemontesische Volkslied" (1911, nach Geissler) scheint das ein Jahr später entstandene "Italienische Liederbuch" anzukündigen. So beschäftigte sich Marx ebenso wie Hugo Wolf mit den bedeutenden Versen von Paul Heyse, vertonte jedoch genau jene Gedichte, die Wolf ausgelassen hatte. Marx ist hier mit der Ausgestaltung des Klaviersatzes vergleichsweise sparsam umgegangen. Aus seinem "Italienischen Liederbuch" sind hier vier dieser Miniaturdramen eingespielt: "Ständchen", "Die Liebste spricht", "Sendung" und "Venetianisches Wiegenlied".
Kurz vor seiner Berufung in die Türkei als Regierungsberater beim Aufbau des türkischen Musiklebens schrieb Marx den fünfteiligen Zyklus "Verklärtes Jahr" (1930-32) für mittlere Stimme und Orchester. Dieses Werk, das im Februar 1932 in Wien unter Robert Heger uraufgeführt wurde, bildet ohne Zweifel den Höhepunkt seines gesamten Vokalwerkes. Rein formal offenbart "Verklärtes Jahr" bereits Marxens klassizistische Tendenz aus seinen späteren Kompositionen; gleichwohl erklingen musikalische Zitate aus seinen vorherigen Orchesterwerken, so z.B. aus der "Natur-Trilogie". Neben einer Wesensverwandtschaft mit Respighis fünfteiligem Orchesterliedzyklus "Deità silvane" ("Waldgottheiten") oder den "Three Poems of Fiona MacLeod" des Amerikaners Charles T. Griffes fällt insbesondere die Titelgebung auf, die kurioserweise an Schönbergs "Verklärte Nacht" angelehnt ist.
"Verklärtes Jahr" beginnt mit "Ein Abschied". Bereits in den ersten Takten verwendet Marx eines der Hauptthemen seiner "Herbstsymphonie" von 1921. Fofanows düstere und zugleich von Sehnsucht erfüllte Textvorlage wird hier von Marx kongenial umgesetzt.
"Dezember" (nach Kernstock) widmete der Komponist seinen Eltern sowie Anton Jahn, dem Vater seiner Lebensgefährtin Anna Hansa. Die Partitur ist von ungewöhnlicher Zartheit und gipfelt in einer geradezu entrückten Vision der Ankunft des Christkindes.
Der pentatonische Aufschwung zu Beginn von "Lieder" (nach Morgenstern) kann mit dem Anfang seines zweiten Klavierkonzerts "Castelli Romani" (1929-30) verglichen werden. Zudem ertönen motivische Anklänge an seine "Frühlingsmusik" von 1925. "Lieder" erscheint wie eine letzte musikalische Rückschau in eine überschwenglich-ekstatische Jugend.
"In meiner Träume Heimat" (nach C. Hauptmann) enthält gleich zu Beginn eine motivische Verbindung zu dem in der gleichen Tonart geschriebenen "Hat Dich die Liebe berührt". Auch zum Ende hin wird das reizvolle Hauptthema dieses frühen Marx-Liedes erneut zitiert.
"Auf der Campagna" ist das einzige Vokalwerk des Komponisten, das auf einem von ihm selbst gedichteten Text basiert. Im Instrumentalpart erklingen erneut Anspielungen auf "Castelli Romani". Angeregt durch eine Italienreise, schrieb er diese hinreißende Liebeserklärung an seine zweite Heimat. Mit einer geradezu berauschenden Klangfülle erzählt dieses reife Werk von der Vergänglichkeit und der ständigen Wiederkehr von Schönheit und Harmonie. Dies ist die Musik eines tiefgründigen Lyrikers und sehnsuchtsvollen Optimisten, der seine nie versiegende Daseinsfreude mit anderen teilen möchte. So nimmt Joseph Marx als Mystiker des Glücks zweifellos einen ganz besonderen Platz in der Musikgeschichte ein.
© Berkant Haydin & Martin Rucker
Als Joseph Marx (1882-1964) von Wilhelm Furtwängler im Jahre 1952 als "Führer des musikalischen Österreich" bezeichnet wurde, war seine rund 50-jährige Schaffensphase als Komponist bereits zu Ende, doch seine schillernde Karriere als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des österreichischen Musiklebens im Zwanzigsten Jahrhundert hatte inzwischen mehrere Musikergenerationen geprägt.
Von der großen Mehrheit seiner Zeitgenossen in Österreich über alle Maßen verehrt, genoß Marx auch innerhalb der internationalen Gemeinde einen unumstrittenen Ruf als bedeutender Komponist und Pädagoge. So zählten auch zahlreiche sehr unterschiedliche Figuren der Musikszene wie z.B. Nicolai Medtner, Kaikhosru Shapurji Sorabji und Pablo Casals zu den Bewunderern von Joseph Marx. Die russisch-kanadische Komponistin Sophie Carmen Eckhardt-Grammaté (1902-74) schrieb beispielsweise, daß Marx' Werke "Epoche gemacht" hätten, und Nicolai Medtner - einer der wichtigsten Repräsentanten der Moskauer Komponistengruppe um Sergej Rachmaninov, Alexander Scriabin und Sergej Tanejew - verlieh seiner Verehrung für Marx in einem Brief von 1949 mit folgenden Worten Ausdruck:
"Meine Begegnung mit Ihnen war ein unerwartetes Geschenk, ein Zeichen, daß alles Unerwartete, Fantastische und ewig Romantische noch immer da ist, trotz aller Bemühungen der gegenwärtigen 'Kunst-Führer', das alles auszurotten."
Um zu verstehen, warum diesem so außerordentlich charismatischen und zu Lebzeiten gefeierten Komponisten eine derart große Bedeutung beigemessen wurde, muß man sich zunächst anschauen, welche Einflüsse das musikalische und geistige Leben des Joseph Marx geprägt haben.
Aus musikalischer Sicht war Marx in erster Linie ein Autodidakt. Als Jugendlicher war er von der Harmonik in den Werken von Claude Debussy, Alexander Scriabin und Max Reger fasziniert. Diese Geistesnähe findet man in vielen seiner früh entstandenen Lieder, aber auch in seinen impressionistisch-spätromantischen Orchesterwerken aus den Zwanziger Jahren. Das Denken des jungen Marx wurde geprägt durch Gespräche mit dem Erkenntnistheoretiker Alexius von Meinong (1853-1920) und später durch eine enge Freundschaft mit dem Experimentalpsychologen Vittorio Benussi (1878-1927). Mit ihm erforschte Marx die psychologischen Gesetzmäßigkeiten der Tonalität und brachte seine Ergebnisse in eine Dissertation mit dem Titel "Über die Funktion von Intervall, Harmonie und Melodie beim Erfassen von Tonkomplexen" (Marx schrieb später noch einige weitere Abhandlungen zur Musiktheorie). Sein Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik und Archäologie an der Grazer Universität, das er schließlich als Doktor der Philosophie zu Ende brachte, legte den Grundstein für die Entwicklung des einstigen Liederkomponisten aus der Steiermark zu einem aktiven und einflußreichen Vertreter und Beobachter der Musikszene Österreichs und Mitteleuropas.
Als Impressionist, der sich jedoch immer auch als "Romantiker" bezeichnete, hat Joseph Marx aus seiner tiefen Verehrung für die Urväter der Musik (Mozart, Schumann, Bach, Haydn, Schubert u.a.) nie ein Geheimnis gemacht. So verwendete er in manchen seiner eigenen Werke Variationen alter Themen, so z.B. in seinen Alt-Wiener Serenaden, in denen er Motive aus Werken von Carl Michael Ziehrer und Joseph Haydn zitierte, oder in den Streichorchesterwerken Partita in modo antico und Sinfonia in modo classico, mit denen Marx seinen musikalischen Vorbildern auf höchst eindrucksvolle Weise huldigte. Doch warum hat er gegen Ende seines kompositorischen Schaffens (ca. 1935-45) nicht mehr impressionistisch-spätromantisch, sondern hauptsächlich nur noch kammermusikartig frühromantisch-klassizistisch komponiert?
Hierbei handelt es sich genau um den Zeitraum, in welchem Mitteleuropa sich unter dem Einfluß des Nationalsozialismus zunehmend in politische Konflikte verstrickte und die Kunst - laut Joseph Marx eines der elementarsten Güter menschlicher Kultur - zunehmend an Bedeutung verlor (was Marx schon früh erkannt hatte). Der "neue" Stil, den er nun während dieser späten Phase seiner Komponistentätigkeit bevorzugte, war daher nicht nur eine Antwort auf die Musik der Avantgarde und ein pädagogischer Leitfaden für Jungkomponisten; Marx hat sich davon sicher auch erhofft, die hohen geistigen Werte, die er mit diesem klassischen Stil assoziierte, schützen und "in bessere Zeiten retten" zu können. Und seine Bemühungen blieben gewiß nicht ohne Erfolg. Für die Kompositionen aus seiner späten Schaffensphase erntete Marx dieselbe hohe Anerkennung wie auch schon für seine früh entstandenen Lieder, die ihn berühmt gemacht hatten.
Die Alt-Wiener Serenaden bilden ein Konglomerat aus vielem, was das "Österreichische" in der Musik ausmacht. Komponiert 1941/42, wurde dieses Werk am 14. April 1942 von Karl Böhm und den Wiener Philharmonikern uraufgeführt, denen der Komponist dieses Werk zu ihrem hundertjährigen Jubiläum widmete. Obgleich für ein recht großes Orchester konzipiert, klingen die Alt-Wiener Serenaden eigentlich eher kammermusikalisch. Der erste Satz Intrada in lebhaftem D-Dur zeichnet sich durch sein Formschema A-B-A-C-A aus. Volksmusikadaptionen findet man in der Aria, dem 2. Satz, vor. Es erklingt ein "Ländler" im gemächlichen Dreivierteltakt (schon bei Joseph Haydn wurden Volkstänze aus dem österreichisch-ungarischen Raum in die Kunstmusik integriert). Ein direkter Rückblick auf Haydn zeichnet sich im 3. Satz Menuett ab, denn hier wird das Thema des 3. Satzes aus Haydns 103. Sinfonie ("Paukenwirbel") aufgenommen. Beispiellos "wienerisch" geht es im 4. Satz zu, der eine rauschende Huldigung an den musikalischen Geist der österreichischen Hauptstadt darstellt.
Als das wohl atypischste Werk von Marx kann die Partita in modo antico für Streichorchester betrachtet werden (ursprünglich für Streichquartett 1937/38, arrangiert für Streichorchester 1945). Atypisch deshalb, weil hier kein einziger chromatischer Schritt und auch keine regellosen Dissonanzen auftauchen - und dies bei einem Komponisten, der sich noch bis Anfang der 1930er Jahre der farbreichen romantischen Überschwenglichkeit hingegeben hatte. Marx, der sich selbst einmal in seiner typisch humorvollen Art zu "lebenslänglichem vierstimmigem Satz" verurteilt hatte, versuchte hier, die Kirchenmodi mit der strengen linearen Satztechnik eines Palestrina oder Orlando di Lasso zu verknüpfen. Er stellt deutlich heraus, daß das Werk als eine Ehrung an die alten Meister der Vokalpolyphonie verstanden werden soll. Das "sinnvolle Zusammenwirken" der einzelnen Stimmen war für Marx von eminenter Bedeutung; er verweist in diesem Sinne auf den "Geigenden Eremiten" aus der "Böcklin-Suite" von Reger.
Der erste Satz, Allegro poco moderato, im mixolydischen Modus, zeichnet sich durch weitläufige Kadenzen mit interessanten harmonischen Wendungen aus. In der Form eines Sonatenhauptsatzes gliedert er sich in Exposition (Themenkomplex 1 - Überleitung - Themenkomplex 2), Durchführung, Reprise und Coda. Im zweiten Satz, Presto (nicht zu rasch), wird der dorische Modus als Grundlage genommen. Es entfaltet sich ein Scherzo im Taktschema 4+2, an das sich eine Kadenz anschließt. Auf diese folgt ein Trio mit pentatonischem Charakter, nach welchem das Scherzo wiederholt wird und eine Überleitung den Hörer in das zweite Trio führt. Schließlich wird nochmals das schnelle Temperament des Scherzos aufgenommen, um den Satz daraufhin in eine Coda münden zu lassen. Im archaischen "Phrygisch" ist der dritte Satz, Adagio molto, komponiert. Gleich zu Beginn fällt die ähnlichkeit zum ersten Satz auf. Der vierte Satz, Vivace, schließt den Rahmen und steht wie der erste im mixolydischen Modus. Eine doppelte Fuge in Rondoform bildet ein strenges Gerüst; das Hauptthema der Fuge besteht aus einer geschickten Verarbeitung des Themas des Kopfsatzes. Der 4. Satz ist geprägt durch ein Wechselspiel zwischen kontrapunktischem Rausch und ruhigeren Durchgängen.
Die Sinfonia in modo classico (ursprünglich für Streichquartett 1940/41, arrangiert für Streichorchester 1944) präsentiert dem Hörer erneut einen Ausflug durch die Musikgeschichte Wiens. Wiederum ist die Form klassizierend in der Klarheit eines Haydn, doch die Tonsprache ist mehr dem Spätromantischen zugewendet. Eröffnet von einem Sonatenhauptsatz (Allegro con brio) in luftig-lockerem Charakter tastet sich die Sinfonia zu einem klagenden gesanglichen Adagio vor, in dem man kaum eine Orientierung zu spüren vermag. Der dritte Satz im Tempo di Menuetto läßt unverhüllt die enge Verwandtschaft zum dritten Satz der Alt-Wiener Serenaden durchschimmern, doch das an Haydn angelehnte markante Thema erscheint hier eine Quart tiefer. Der Finalsatz Poco Presto lässt wieder Fugentechnik erkennen. Wie im Schlußsatz der Partita wird hier das Kopfthema aus dem Sonatenhauptsatz aufgenommen.
Die Bezeichnungen "modo classico" und "modo antico" haben gewiß keine musiktheoretische Entsprechung, denn eine "klassische" oder "antike" Skala existiert nicht. Wie bereits erwähnt, stellen diese scheinbaren Tonartbezeichnungen einen Versuch dar, Werte und Ideale der K